Zeit
des Ereignisses — Zeit der Geschichte Am Beispiel der Multiperspektivität*
Semantik
Muss es nicht verwundern, wie unmittelbar ein ästhetisches
Ereignis seine Wirkung in die Rezipienten verpflanzt? Ein Blick,
ein Moment der Konzentration, ein überraschender Angriff
genügen, um eine Reaktion hervor zu bringen, die das Ding
als sinnvoll erscheinen lassen. Wir erkennen Motive, Verknüpfungen,
Anspielungen, Metaphern, Stimmungen, Symbole, Gesten. Selbst die
Ratlosigkeit vor der Kunstsache ist noch ein Zeichen der Verbundenheit
mit der ästhetischen Oberfläche. Das Zeichen ist ein
Jetzt, das den Rezipienten mit seiner kulturellen Er-Innerung
in Verbindung bringt.
Was
geschieht aber hinter den Formen? An den Orten der Produktion?
Kann man sagen, dass Arbeit, (Medien-)Technik und Material lediglich
die harten Bedingungen für weiche Semantiken sind? Unsichtbare
Sinnlosigkeit? Oder Vorbereitung für den Sinn? Das Niemandsland
zwischen Physik und Metaphysik ist kaum denkbar. Die Tätigkeit
der Strukturierung ist selbst schon strukturiert, eingebunden
in einen historischen Sinn-Horizont. Die Zeit des Ereignisses
verdeckt eine Zeit der Geschichte, die das Ereignis entstehen
lässt. Davon handeln die folgenden Überlegungen.
Ereignis
Ausgangspunkt für die Analyse sind gerade einmal vier Sekunden
eines Spielfilms. Es handelt sich um eine Einstellung aus dem
Science-Fiction-Film The Matrix (1999).
Die
Filmerzählung beginnt damit, dass Polizisten in ein Hochhaus
eindringen. Sie stürmen ein Zimmer. Eine Frau mit dem hochbedeutsamen
Namen Trinity soll festgenommen werden. Sie sitzt vor einem Laptop.
Erste Signifikanz: Die Macht des Mediums Computer und Polizeimacht
in einem Raum. Die Frau ist umstellt. Die Lampen der Männer
und das Licht des Computerscreens beleuchten sie von allen Seiten.
Im Moment der Festnahme kommt es zu einer plötzlichen Kampfhandlung
zwischen Trinity und den Polizisten. Nach Art eines Kung Fu-Kämpfers,
eines Engels oder eines Batman erhebt sie sich — "so smooth
and fast, inhumanly fast"1. Zweite Signifikanz: Im Sprung gefrieren
die Bewegungen, wobei die Kamera die erstarrte Figur umfährt:
zweite Umkreisung. Diese bewegte Momentaufnahme dauert knapp vier
Sekunden.
Geschichte
Der scheinbar unmögliche Effekt einer Bewegung um eine dreidimensionale
Figur, die zeitgefroren ist, hat in der zweiten Hälfte der
1990er Jahre in Popvideos und Werbeclips für Furore gesorgt.
Die Visual-Effect-Technik ist folgende: Es werden fototechnische
Aufnahmeeinheiten um eine Szene gruppiert. Am Punkt einer Bewegung
werden alle Einheiten im selben Moment ausgelöst. Anschließend
werden die Einzelbilder zu einem Film zusammengefügt, der
bei der Betrachtung auf der Leinwand dann den beschriebenen Freeze-Effekt
erzeugt. Es sind mittlerweile verschiedene Bezeichnungen für
diesen Effekt gebräuchlich: Gondry-Effekt2, Time-Slice-Effekt,
Bullet Time, Temps Mort, Virtual Camera oder Multicam.
Nicht
der Effekt soll im Zentrum der Analyse stehen, sondern die medientechnische
Grundeinstellung, welche darauf gerichtet ist, die multiperspektivische
Aufnahme zu bewerkstelligen. Die Geschichte der fotografisch-filmischen
Multiperspektivität ist nicht sehr dicht, aber die wenigen
Stationen sind durchaus signifikant. In einem ersten Schritt soll
die kurze Historie nachgezeichnet werden.
Im
Bereich des Films werden erste Versuche um 1980 von Tim MacMillan
gemacht, der die kubistische Idee simultaner Multiperspektivität
ins Medium der Fotografie bringen will.
Er
entwickelt mehrere Kameras und erlangt in den 90er Jahren mit
sensationellen Naturaufnahmen professionellen Status.3 Doch bleibt
das Paradigma der Multicam-Aufnahme nicht auf den Film beschränkt:
Ungefähr zur gleichen Zeit als die Wachowskis an der Realisation
von The Matrix arbeitet, muss Karin Sander ihre Idee zur
Werkgruppe der Body-Scan-Skulpturen gehabt haben. Wenn ihr Produkt
auch von vollständig anderer Natur ist, so fußt ihre
Produktion doch im selben technischen Setting. Ein Körper
wird mit Hilfe eines Body-Scanners erfasst. 16 digitale Kameras
werden dazu ringförmig um eine Person angeordnet und langsam
von oben nach unten heruntergefahren. Auf diese Weise entsteht
eine Fülle von Daten, die im Computer zu einer dreidimensionalen
Figur verrechnet werden. Diese Simulation ist drehbar und kann
von allen Seiten betrachtet werden. Ein Extruder baut anschließend
die Figur in Kunststoff auf.4 Die Technik findet schon länger
im Bereich des Modellbaus Anwendung. Sanders innovative Leistung
besteht darin, dass sie sie für die künstlerische Menschendarstellung
einsetzt.
Genau
dieses Detail ist für die Diskussion des Zusammenhangs bedeutungsvoll.
Indem Sander eine Erweiterung im Verhältnis von Technik und
Objekt vornimmt, gibt sie nicht nur einen kunstimmanenten Kommentar
zur Gattung der Skulptur ab, sie richtet das Augenmerk ebenso
auf die Geschichte der Verdinglichung von Leben durch Medien.
Unweigerlich entsteht die Frage, welcher Blickverfügung und
medialer Zurichtung der Mensch zugeführt wird. Mediengeschichte
ist vor diesem Hintergrund mehr als Technikgeschichte, Bedeutungen
und Verfügungen stehen auf dem Spiel — mit Folgen für
das Verständnis des erfassten Objekts. Dazu später mehr.
Das
Phänomen der Body-Scan-Skulptur ruft einstweilen einen frühen
Vorläufer ins Gedächtnis, nämlich die Fotoskulptur.
Sie wurde 1859 von François Willème erfunden.5 Der
fotografische Prozess war auch hier Voraussetzung für die
Herstellung einer Skulptur, die Anspruch auf einen genauen Realismus
erheben wollte. Ich unterlasse eine genaue Beschreibung des Verfahrens6
und erwähne lediglich, dass Willème wahrscheinlich
der erste war, der die Multi-Kamera-Aufnahme durchführte.
Seine Modelle umstellte er mit 24 Kameras, die wie bei den späteren
Nachfolgeerfindungen durch einen Mechanismus gleichzeitig ausgelöst
wurden.
Es ist lohnend, zur Annäherung an die historische Semantik
dieser Technologie, sich das architektonische Interieur der Aufnahmesituation
vor Augen zu führen. Théophile Gautier hat eine Schilderung
vom salon de pose gegeben.7 Es handelte sich um eine Rotunde,
an deren Wand 24 Konsolen befestigt waren. Auf diesen Konsolen
standen Fotoskulpturen von bekannten Persönlichkeiten. Halb
versteckt, im Schatten der Konsolen befanden sich 24 "Augen",
wie Gautier schreibt, 24 Linsen, die den Sitzenden "anschauten"
("qui vous regardaient").8 Gewiss hatten die ausgestellten Skulpturen
schmückende und werbende Funktion. Die Erfahrung Gautiers
im salon lässt darüber hinaus auch eine allegorische
Funktion erahnen. Angestarrt von Augen aus leblosen Gesichtern
der erstarrten Persönlichkeiten und von den "Augen" der Kameras
befindet sich der Besucher in einem von Blicken erfüllten
Raum. In der Nachträglichkeit erinnert das Setting unweigerlich
an die Peepshow. Die vermehrten Blicke, die multiplizierten Perspektiven
generieren eine Obszönität des Details. Es gibt keine
Hierarchie zwischen dem Bedeutungsvollen und dem Unwichtigen,
die die klassische Perspektive im Bildraum installiert hatte.
Es existiert keine Schatten-, keine dem Blick abgewandte Seite.
Verlust der Seele? Gautier schreibt: "elle [die Fotoskulptur]
accepte la nature et la mode comme elles sont."9 In diesem Augenraum
findet sich das Subjekt umstellt und zur Einsamkeit vorzeitiger
Standbildhaftigkeit verführt.
Die
bildpositivistische Leistung der Fotografie hat auf eindrückliche
Weise wenig später Eadweard Muybridge für seine wirkungsreiche
Chronofotografie genutzt. Die bekannten Reihen von konsekutiven
Bewegungsmomenten sind in den 80er Jahren durch Simultanaufnahmen
von drei Blickwinkeln der gleichen Szene ergänzt worden.
Erwähnt sei, dass Tim Macmillan sich nicht nur auf den Kubismus,
sondern auch auf Muybridge explizit als Vorläufer seiner
Time-Slice-Technik bezogen hat.10
Wenn
auch zu gänzlich anderem Zwecke hergestellt als im salon
de pose gehören diese weniger beachteten Fotografien
Muybridges in den Kontext der Multiperspektivierung. Die Überschreitung
der natürlichen Sichtraumbegrenzung durch die medientechnische
Einrichtung betont im Falle Muybridges die Tendenz zur Versachlichung,
da — anders als bei der Fotoskulptur — die künstlerische
Intention ganz der wissenschaftlichen gewichen ist. Es ist aber
gerade diese Übertragung, die hervortreten lässt, was
der Technik innewohnt: die Kapazität, das Objekt als isolierten
Mittelpunkt einer Betrachtung zu konstruieren.
Das
Stichwort vom Transfer zwischen Kunst und Wissenschaft lädt
ein zu einer Digression in die Sphäre der Malerei. Denn exakt
zum gleichen Zeitpunkt als Muybridge seine fotografische Forschung
betreibt, malt Manet ein Bild, das Foucault als eines der revolutionärsten
dieses Malers bezeichnet: Un bar aux Folies-Bergère.11
Die
Betrachtung eines Gemäldes unterbricht für einen Augenblick
die Chronologie fototechnisch generierter Multiperspektivität.
Es lässt sich an diesem Bild aber ablesen, dass eine Bildsensibilität
im Entstehen begriffen ist, die die klassische Perspektive der
Tiefe auflöst. Manets Bild gehört daher unmittelbar
in den hier entfalteten Zusammenhang.
Was
zeigt das Bild: Eine Frau steht hinter einer Theke, sie wird frontal
von einem hellen Licht ausgeleuchtet. Hinter ihr ein großer
Wandspiegel, in dem der von Menschen belebte Raum und ein großer
Leuchter zu erkennen sind. Vom Standpunkt des Betrachters/Malers
aus müsste die Frau ihr Spiegelbild verdecken. Diese Stimmigkeit
nun unterläuft Manet und malt das Spiegelbild seitlich von
der Bedienung. Im Spiegel sieht der Betrachter sie im Gespräch
mit einem Gast. Foucault stellt fest: "Der Maler nimmt somit nacheinander
oder besser gleichzeitig zwei miteinander nicht zu vereinbarende
Positionen ein."12
Foucaults
Diagnose ist richtig und lässt sich sogar noch weiter denken.
So können mindestens vier Blickpunkte in dem Bild ausgemacht
werden: die Frontal- und seitliche Perspektive des Betrachters
sowie jene, die der gemalte Gast auf die junge Frau und in den
Spiegel hat.
Wir
finden wieder, was Willème und Muybridge medientechnisch
vorgegeben haben: die Schattenlosigkeit, die Beweglichkeit des
Blicks, der keinen eindeutig festgelegten Punkt im Raum hat, die
Ver-Einsamung und distanzierte Umraumung der Person. Die von Manet
gezielt einsetzte Unstimmigkeit führt Foucault zu der Feststellung,
dass dieser Maler der Repräsentation die Grundlagen dafür
gelegt hat, die Repräsentation verlassen zu können.13
Im Kontext einer sich entwickelnden Mehr-Blicklichkeit ist eher
von der Konstitution einer neuen wirkmächtigen Repräsentation
zu sprechen, in dem nicht mehr der Raum beherrscht wird, sondern
die freigestellte Sache.
Gewissermaßen
im Hinterzimmer traditioneller Kunst entsteht also eine neue Repräsentationsform.
Der Ausarbeitung widmen sich dann einige Künstler der Avantgarde.
Die Kombination unterschiedlicher Standpunkte in einem Bild, wie
sie Manet mit Rückgriff auf den Topos des Spiegels im Bild
durchzuführen vermochte, wird durch die Fotografie technisch
möglich.
Noch
ganz ohne avantgardistisches Kunstwollen werden zwischen den 1890er
und 1930er Jahren verschiedene Verfahren der Multiaufnahmen entwickelt,
in denen zwischen vier und 500 Fotografien von Personen hergestellt
werden.14 Diese hatten wie bei Willème keinen ästhetischen
Eigenwert, sondern erfüllten Hilfsfunktion bei der Herstellung
von Skulpturen. Aber im Jahr 1907 präsentiert sich der Futurist
Umberto Boccioni in einem Selbstporträt , auf dem er, unter
Einsatz einer Spiegelkonstruktion, aus fünf verschiedenen
Positionen zu sehen ist.
Er
gibt dem Foto die Legende Io-Noi-Boccioni (Ich-Wir-Boccioni),
wodurch die Pluralisierung zum Thema gemacht wird. Als reiche
er die Erklärung für dieses Bild nach, schreibt er 1913
im Manifest "Bildnerischer Dynamismus", dass die "Schaffung der
neuen Form" sich "zwischen der Umdrehungs- und Umlaufbewegung"
vollzieht.5 Die Person wird gleichsam zum Planeten, den der Futurist
mit seiner Blickmaschine umrundet.
Als
Marcel Duchamp 1917 das gleiche Bild mit seinem Porträt nachstellt,
nennt er es Marcel Duchamp autour d‘une table.
Dieser
Titel nun — Marcel Duchamp um einen Tisch — betont
die Einkreisung, die Boccioni in seinem Manifest als ästhetisches
Prinzip herausgestellt hat: Einmal ist es Duchamp (der Duchamp
im Bild wohlgemerkt), der den Tisch mit seinem Blick umstellt,
und es ist der Betrachter des Bildes, der Duchamp umstellt. Mit
dem Titel rückt Duchamp den neuen Perspektivismus auf die
Höhe bewusster Inszenierung.
Diese
Form des Multiporträts, beliebt in der Avantgarde (nicht
nur bei Boccioni und Duchamp16) ist allerdings keine Entdeckung
der Künstler der Moderne. Bereits 1898 beschreibt es Albert
A. Hopkins im Kontext von visuellen Bühneneffekten und wissenschaftlicher
Unterhaltung.17 Dass sich der Multiphotograph sowohl für
die Massenunterhaltung wie auch zur avancierten Selbstdarstellung
eignet, deutet auf eine kulturelle Dispersion des darin begründeten
visuellen Schemas. Die visuelle Erfassung des umkreisten Subjekts
wird in der Folge aber besonders die Avantgarde interessieren
und zu weiteren Erfindungen veranlassen, in denen Mehrfachperspektiven
des Gegenstands Mensch ins Bild gebracht werden. Fotokünstler
des Futurismus und Konstruktivismus (die Bragaglias, Bonaventura,
Lissitzky, Petrussow) unternehmen eigene Experimente.
Neu
bei einigen Arbeiten ist die Technik der Unschärfe und strudelnder
Dynamik. Es hat den Anschein, als würden die Porträtierten
nicht unter Kontrolle gebracht, sondern vielmehr ins Nebulöse
sich entziehen. Das Polyphysiognomische Porträt der
Brüder Bragaglia gibt davon beispielhaft einen Eindruck.
Mit
dem langsamen Entschwinden des Multiperspektivismus in die Abstraktion
endet die Chronologie der Multiperspektivität. Anhand der
Beispiele ist die Frage nach dem historischen Sinn der medialen
Grundeinstellung aufzunehmen.
Schema
Gautiers Bericht aus Willèmes Blicklabor, der "lumineuse
rotonde", bietet einen ersten Anhalt. Gautier schreibt: Die Linsen
der Kameras betrachten den Besucher. Diese Anthropomorphisierung
steigert der Autor zum Phantasma einer quasi-göttlichen Allsichtigkeit.
Gegen Ende seines Artikels metaphorisiert er das technische Setting,
spricht von einem wunderbaren Auge, welches das Modell umkreist
und einhüllt: "C‘est un œil merveilleux qui vous
entours et vous enveloppe [...]."18 Ist das Sehnsucht nach Aufgehobenheit
oder Paranoia?
Überall,
von den Wachowskis über Boccioni und Manet bis zu Willème,
wirkt eine Blickformation — und dennoch liegen unterschiedliche
Ästhetiken und Produktionskontexte vor. Aus dem Doppel von
Übereinstimmung und Differenz entspringt das Problem der
historischen Interpretation: In Gautiers Erfahrung deutet sich
das Auftauchen einer Disposivität an. Disposivität meint
im vorliegenden Fall das Zusammenspiel von architektonisch-inszenatorischen
Elementen in Kombination mit ausgesprochenen oder unausgesprochenen
Anweisungen sowie still-wirksamen ästhetischen, moralischen
oder wissenschaftlichen Vorstellungen, die die Akteure zu ihren
Handlungen, Selbstbildern und Aussagen über das, was das
symbolische Produkt darstellt, bringen. Mit dem Begriff der Disposivität
lässt sich die erkenntnisleitende Frage neu formulieren:
Verfügt das Feld der Dispositive des 19. Jahrhunderts über
soviel Prägekraft, dass es für die gesamte Geschichte
der Multiperspektivität gilt? Begegnet uns in diesem Komplex
also die Homogenität einer Bedeutung, angesiedelt unterhalb
der Stile, Genres und Zeiten? Oder ist mit der Erfindung einer
medialen Grundeinstellung eine Formation gegeben, über die
sich stets neue Dispositive stülpen?
Als
Einstieg in die Disposivitätsanalyse setze ich bei einigen
signifikanten Voraussetzungen an, die die blickhafte Einschließung
des Menschen, von der Gautier so eindrucksvoll berichtet, präformieren.
Eine epochale Signatur zeichnet sich ab.
Der
Raum schließt sich. Kreis, Mittelpunkt. Im Zentrum: der
Mensch. Das ist das Schema.
Sucht
man nach einem Modell für die Kreis/Zentralpunkt-Formation,
stößt man auf das Panopticon und das Panorama. Beide
Sehmaschinen wurden fast zeitgleich am Ende des 18. Jahrhunderts
erdacht und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in
Europa und Amerika erfolgreich realisiert. Dass diese Wunderkammern
umfassender Blicklichkeit an unterschiedlichen Stellen der kulturellen
Segmentierung angesiedelt waren — zum einen im Bereich der
Unterhaltung und Bildung, zum anderen im Bereich des Gefängnisses
— soll an dieser Stelle nicht zum Thema gemacht werden.19
Hervorzuheben
ist, dass beide Architekturen ein neues optisches Modell zur Basis
haben, das sich von dem der Fenster- oder Rahmen-Technologie —
z.B. Fernrohr, Mikroskop, Camera Obscura20 — unterscheidet.
Die Silbe pan bezeichnet die Öffnung hin zu einer
Totalität, in der bereits eine Erkenntnis- oder Wahrnehmungshaltung
wirksam ist, die vor einem Ansturm an simultanem Detailreichtum
nicht zurück schreckt. Die neue Sehschulung drängt den
perspektivisch organisierten Tiefenraum zugunsten einer Breite
zurück und kennt virtuell unendlich viele Standpunkte. Damit
ist auf allgemeinsten Nenner gebracht, was Panorama und Panopticon
mit einander verbindet. Angemerkt sei, dass zum Entstehungszeitpunkt
dieser Sehmaschinen Claude-Nicolas Ledoux seine architektonischen
Visionen entwirft, in denen ebenfalls die Elementen von Kreis,
Mittelpunkt und Übersichtlichkeit die Macht der Aufklärung
verkörpern. Jean Starobinski spricht davon, dass sich der
Mensch "zum Zentrum einer Sphäre gemacht [hat]", worin er
zugleich "Schauspieler und Zuschauer" ist.21
Die
im historischen Fortgang eingeführte (wie ich sie in Anlehnung
an die Vorläufer nennen möchte) panzentristische Multiperspektive
übernimmt das Modell, kehrt allerdings die Blickrichtung
um: Stand ehedem der einsame Beobachter im Zentrum, in einem dunklen
Turm, um sich in die um ihn ausgerollten Vielheiten vertiefen
zu können, reflektieren jetzt die verteilten Blicke zurück
auf das erleuchtete Zentrum. Das Subjekt im Mittelpunkt erblindet
und weiß sich zum Objekt einer Blickvielheit gemacht. Eine
einfache Umgruppierung der Elemente, eine Inversion des Blicks
machen aus dem Panopticon/Panorama22 ein Zentrorama, einen geschauten
(horama [griech.]: das Geschaute) Mittelpunkt.
Der
Umstand, dass der Mensch in der zentroramatischen Maschine eingefangen
wird, scheint eine Verwandtschaft zum Panopticon und Panorama
nahezulegen. Stephan Oettermann hat das Panorama als einen "vollkommenen
Kerker des Blicks" interpretiert. "Nirgends kann er [der Blick]
über einen Rahmen hinausschweifen, weil es keinen Rahmen
gibt."23 Die Ausweglosigkeit ist noch eindeutiger im Panopticon.
Die "beobachtete Einsamkeit"24 der Vielen im panoptisch organisierten
Gefängnis oder in der Klinik weicht im Zentrorama einer panoptischen
Beobachtung, Aufzeichnung und Totalisierung des Einzelnen. Die
Diagnose einer "Technologie der Individuen"25 ist umstandslos
auf das neue Dispositiv zu übertragen. Sowohl bei Willème
als auch bei Muybridge realisiert sich ein Wahrnehmungsfuror,
durch den die naturalistische Repräsentation, die Wahrheit
der individuellen Oberfläche ausgestellt wird: "accepte la
nature et la mode comme elles sont".26 Die Wirkung des neuen medientechnischen
Dispositivs scheint auch den großen Nadar ergriffen zu haben,
denn genau zur Zeit der größten Publizität der
Fotoskulptur und des Panoramas unterwirft er sich in seinem Selbstporträt
"in Drehung" der fotografischen Blickallmacht, einer Schau, die
nicht die Heroisierung des Porträtierten als erstes Anliegen
hat, sondern die hierarchielose Notation von Details.
Der
Panoptismus, der nach Foucault eine Signatur der Aufklärung
ist und sich über Institutionen auch zu psychischen Instanzen
verfestigen kann, tritt hier in veränderter, in medientechnischer
Gestalt auf. Der minutiöse Blick der panoptischen Inversion
verfeinert den Nahblick und überhöht das Individuum,
an dem jede Einzelheit Auskunft geben kann über seine Eigenart.
Das Subjekt unterwirft sich einer phantastischen Macht, die mehr
zu sehen vermag, als es selbst an sich zu erkennen in der Lage
ist: Robinson auf einer einsamen Insel, von Kameras umstellt.27
Das
zentroramatische Dispositiv transportiert, so meine These, die
epochale Paranoia, die zwischen Selbst- und Fremdbeobachtung,
zwischen Disziplinierung und Selbstentwurf das Unterscheidungsvermögen
zu verlieren droht. Als zeitgenössisches Indiz für den
Tatbestand, dass durch die Apparaturen eine Semiotik der Überwachung
angestrebt wird, zeigt sich an der Entwicklung der polizeilichen
und anthropologischen Fotografie. Auch sie geht daran, das Subjekt
rundum und bis ins Detail ikonografisch zu erfassen.28 Wie eine
allegorische Apotheose der historischen Entwicklung erscheint
die futuristische Skulptur Profilo continuo: Dux von Renato
Bertelli, in der die Ubiquität des panoramatischen Blicks
mit der zentroramatischen Erfassung zusammen gebracht wird. Dass
diese Figur mit dem 360° Blick den faschistischen Staatsführer
Mussolini darstellt, macht sie zum Inbild des kontrolliert-kontrollierenden
Körpers.
Dass
Überwachung nicht allein juridisch-institutionalisierte Sichtkontrolle
meint, sondern im Sinne eines allgemeinen Sichtbarkeitsschemas
verstanden werden muss, soll noch einmal betont werden. Das disziplinierte
Subjekt stellt sich nicht primär dar, es rechnet aber in
jedem Augenblick mit der Beobachtung. In dieser gesellschaftlichen
Situation bietet sich das Fotoatelier als Ort an, wo "der gesichtslose
Blick" der Macht symbolisiert wird. Er ist ein Ort des Kompromisses,
wird lesbar als soziales Symptom: Das fotophile Subjekt bestätigt
durch Ergebenheit dem Dispositiv gegenüber die disziplinierende
Macht, gewinnt aber selbst Macht, weil es die die Unheimlichkeit
der "Augen, die überall postiert sind"29, im Fotostudio konkretisiert
und dadurch bannt.
Vor
diesem Argumentationshintergrund fügt es sich, dass das Schema
von der Kosmetikwerbung aufgegriffen wurde. In diesem Wirklichkeitssegment
werden idealtypisch das Image eines Subjekts kreiert, das sich
als selbstbeobachtend-beobachtetes erfährt und daraus seine
selbstformenden Handlungen ableitet.
Es
kann nicht der ganze Komplex von Wissenschaftsentwicklung, Persönlichkeits-
und Mentalitätskonstruktion sowie Repräsentationslogik
beschrieben werden, der an dieser Stelle verdichtet aufscheint.
Dennoch muss die weiter reichende Frage wiederholt werden, ob
die im Zentrorama eingelassenen Wirkungen über die Zeitschiene
bis hin zum Time-Slice-Effekt erhalten bleiben, ob es eine Erbschaft
der Machtkonstitution gibt.
Dazu
möchte ich eine These formulieren: Statt eine bruchlose Tradierung
technikimmanenter Machtwirkungen anzunehmen, gehe ich von der
Idee einer Übermittlung aus, die in den technischen Ensembles
eingelassen ist. In Anlehnung an den bereits verwendeten Begriff
des Schemas möchte ich von einem Schematransfer sprechen.30
Das Schema ist eine Abstraktion von den konkreten Technologien,
Menschen, Einrichtungen und Diskurshüllen. Es bezeichnet
auf allgemeinstem Niveau das Verhältnis von medialer Disposition
und medial erfasstem Objekt. Im vorliegenden Fall sieht das Schema
davon ab, ob eine analoge oder digitale Kamera, Spiegel oder Körper
als Medientechnik eingesetzt werden, ob eine Skulptur, ein Film,
eine Fotografie oder eine Installation am Ende des Prozesses stehen.
Es ist aber in Lage, die strukturale Eigenheit der zentroramatischen
Verfügung auszuweisen. Das Schema als ein unsinnliches Potenzial
ist in der Lage, alle historisch sich ausbildenden Dispositivitäts-möglichkeiten,
die sich der schematischen Struktur bedienen, als unsichtbare
Wirkung zu transportieren. Mit dem Begriff des Schematransfers
wird die Wirkung überlebter Dispositive in Aktualformationen
behauptet und methodisch die Disposivitätsanalyse angereichert.
Diese geht traditionell davon aus, das mit jeder Neugruppierung
von Elementen (z.B. Wechsel in der technischen Ausstattung, Positionierung
der Aufnahmesituation in einem anderen Kontext, Wandel der ästhetischen
Intention etc.) in einer gegebenen Periode "das Erscheinen von
Objekten"31 sich vollzieht, die je historischen Eigenwert beanspruchen.
Sie beschreibt das synchrone Netz von Verweisungen. Mit dem Schematransfer
kommt die Dimension des Nachhalls von Vorstrukturierungen in den
Analysehorizont. Die Synchronitätsanalyse der Dispositive
wird selbst historisiert, ohne auf die alte Frage nach dem Ursprung
oder der Beeinflussung verwiesen zu sein.
Für
den Blick auf die Technikentwicklung hat dieser Ansatz Konsequenzen,
denn die unterschiedlichen Ausgestaltungen des zentroramatischen
Dispositivs von der Fotoskulptur bis zum 3D-Body-Scan folgen nicht
einer einfachen Fortschrittslogik, nach der das Alte durch das
Neue ausgetauscht wird. Ältere Aspekte bleiben als Spuren,
als Palimpseste erhalten, die im Zusammenspiel mit aktuellen Bedeutungen
semantische Interferenzen erzeugen.
Wie
funktioniert diese Hypothese innerhalb meiner historischen Reihe?
Zwei große Interferenzfenster möchte ich zur Veranschaulichung
des Schematransfers aufmachen.
Interferenzen
Erste Interferenz: Moderne. Gemeinhin wird die ästhetische
Moderne, die an der Auflösung der Zentralperspektive arbeitet,
als Ausdruck einer symbolischen Antimacht gedeutet, die die Zentralposition
des Souveräns oder des bürgerlichen welterobernden Individuums
unterläuft. Ein Beispiel für diese Deutung gibt Pierre
Bourdieu am Fall Manet. Er schreibt:
"Manet
wrecks the social foundation of the fixed and absolute point of
view of artistic absolutisms [...]: he establishes the plurality
of points of view, which is inscribed in the very existence of
a field [...]."32
Folgt
man der These, dass die multiperspektivische Blicklichkeit keine
Erfindung der ästhetischen Avantgarde ist, sondern als symbolische
Formation im Herzen einer auf weicher Kontrolle basierenden und
Individuen produzierenden Gesellschaft entstanden ist, so lässt
sich auch eine andere Interpretation erkennen. Die Einkreisung
— mag sie auch in der Epoche von Szientismus und Realismus
zu anderen Konstruktionen der Person führen als in der Moderne
— hat in beiden Situationen ein ähnliches Anliegen:
Die medientechnische Einrichtung wird für den Menschen aufgestellt,
damit er zu einer Aussage symbolisiert werden kann. Man könnte
sagen: Es gibt in beiden Fällen ein anthropologisches Begehren.
Die avantgardistische Suche nach dem neuen Menschen findet ihre
Entsprechung in der Aufreihung der multiperspektivischen Standpunkte.
Sie steht damit in Konkurrenz zur bürgerliche Vereinheitlichung,
die im wahrsten Sinne auf eine In-Dividualisierung im Schwarm
der scheinbar bedeutungslosesten Details und Regungen drängt.
Doch zwingt das strukturierende Schema beide Parteien zusammen.
Wenn Boccioni sagt "Ich-Wir-Boccioni" und Duchamp im Plural um
einen Tisch sitzt, wenn Manet die Barfrau gleichzeitig als solipsistisches,
in Licht getauchtes und als kommunikatives, vom Schatten eines
Gastes berührtes Wesen zeigt, dann können diese Bilder,
die die Einheit negieren, gerade als Frage nach der verlorenen
Einheit gesehen werden. Das Potenzial des zentroramatischen Schemas
bietet beiden Möglichkeiten Entwicklungschancen, aber eben
nur auf der Grundlage einer oppositionären Verkopplung miteinander.
Auf beiden Seiten wird der historisch vorgebildete verfeinerte
Multidetailblick wirksam. Die Moderne irritiert allerdings dadurch,
dass sie die medientechnische Kapazität umlenkt, um den Streit
darüber aufzunehmen, was es mit dem Subjekt auf sich hat:
Ist es eine monadische Einheit oder ein mit unterschiedlichen
Identitäten ausgestattetes Sein?33 Der Bedeutungssprung liegt
in der Prozessualität zum Bildprodukt: Wo Willème
24 Perspektiven zu einem Bild in der Skulptur vereinigt, dort
stellen die Neuerer die Multiperspektivität heraus. Hinter
der ästhetischen Differenz, auf deren Grundlage unterschiedliche
Menschenbilder konturiert werden, bleibt jedoch eine epistemische
Verwandtschaft bestehen. Gewiss ist die "exakte Kodifizierung"34
des Individuellen nicht mehr das Ziel der avantgardistischen Darstellungsform,
aber immer noch kreist die Strategie um die Fragen: "Was kann
ich sehen, was ist dieser Mensch in der Mitte, wie muss ich ihn
darstellen?"
Die
kulturelle Bedeutung des Schemas trägt sich in die Neugestaltung
ein, wird (im hegelschen Sinne) aufgehoben. Anders als die These
von der Entmachtung des souveränen Blicks behauptet, erscheint
das aus dem Schema entspringende Bild nun nicht progressistisch
als simple Negation des Vorhergängigen, sondern als dialogische
Fortsetzung, in dem noch die Spuren einer alten Formation erhalten
bleiben.
Zweite
Interferenz: Postmoderne. Die anthropologische Frage nach dem
Menschen verschärft sich in der Postmoderne bis hin zu dem
Punkt, wo sie sich zu erübrigen scheint. Das Zentrorama,
ob in Gestalt des Time-Slice-Effects bei den Wachowskis oder des
Body-Scans bei Karin Sander, verschiebt noch einmal die formimmanente
Debatte.
Der
entscheidende Sprung im Vergleich zu den vorhergehenden Epochen
liegt in der deutlichen Thematisierung der Technik, die zum Bild
führt. Der Illusionismus fußte früher auf einer
weitgehenden Unsichtbarmachung der Technik. Anders bei den Produktionen
am Ende des 20. Jahrhunderts: Bei Sander tritt die Technik in
Gestalt einer ausführlichen Legende auf: Werner Meyer, 1:10,
3D-Body-Scan des lebenden Originals, 1998, Fused Deposition Modelling
(FDM), Acryl-Nitryl-Butadien-Styrol (ABS) und Airbrush.
In
The Matrix erfährt sie eine doppelte Darstellung:
einmal im Paradiskurs des Making of-Features und auf vermittelte
Weise im Film selbst, der die Frage nach der Macht von Simulationswelten
aufwirft. Zudem: Der Visual Effect selbst ist ja doppelt konnotiert,
denn er erzeugt auf der Erzählebene eine Bedeutung, kokettiert
aber gleichzeitig mit dem Umstand, dass er der medientechnischen
Trickkiste entnommen ist. Er provoziert geradezu die Frage: Wie
wurde das gemacht? Das ist entscheidend. Denn damit wird der Komplex
von Macht, Kodifizierung und Ausdehnung der Bildkapazität
nicht mehr in erster Linie eingesetzt, um Aussagen über das
Dargestellte, über den Menschen zu machen. In den Blick gerät
nun die verwandelnde Potenz der Medientechniken. Das Bildwerk,
welches sich als Hyperform realistischer Ausdrucksweise geriert,
wird durch den mitgelieferten Kommentar gerade dem realistischen
Illusionismus entfremdet. Was ich sehe, ist nicht eine vergegenständlichte
Aussage über das Objekt, sondern über die Möglichkeiten
der Technik. Im Verfahren von der Aufnahme bis zum Bild, vom Referenten
zum Signifikanten vollzieht sich eine tiefgreifende Entfremdung.
Nicht das Problem der Repräsentation von Wirklichkeitsgehalten
wird aufgeworfen, nicht die Frage nach Verlust und Gewinn von
Symbolisierungen gestellt, sondern danach, was das Zeichen überhaupt
noch mit dem Original zu tun hat. Gerade die aufgerüstete
zentroramatische Technologie, die Maschinisierung der Bildgenerierung
führt zu einer phantastischen Fiktionalisierung der Gegenstände.
Sanders Kennzeichnung der Skulptur mit dem Eigennamen —
z.B. Werner Meyer oder Bungo — ironisiert geradezu die Denotation.
So sehr Werner Meyer auch benannt wird, so wenig sind wir bereit,
ihn zu erkennen. Die Skulptur ist in jeder Beziehung unpathetisch.
Das Format (1:10) erzeugt ein Übriges in dieser Strategie,
die den Abgebildeten in eine liliputhafte Dimension ohne Weltgehalt
beamt.
Ähnliches
unternehmen die Wachowski Brothers mit der Angelifizierung ihrer
Figur. Sie spielen mit einem Visual Effect, der aber in seiner
medial kommunizierten Geheimnislosigkeit (fast könnte man
sagen) selbstreferentiell auf die Filmerzählung rekurriert,
in der die Opposition von Welt und bildlich simulierter Gegenwelt,
von täuschendem Effekt und Desillusionierung zum Thema gemacht
wird. Die Phantastik weist darauf, das die Wirklichkeit woanders
ist.
Gewiss
ist das eine krude Philosophie. Sie spielt aber auf einem Register,
wo die Mächtigkeit von Medien in der gegenwärtigen Kultur
erspürt wird. Die von Kameras eingeschlagene Person verlässt
schon im Augenblick der Aufnahme ihren Körper. Die Künstlerin
Beth B. hat zur Veranschaulichung dieser Gewaltform ein historisch
anspielungsreiches Installationsensemble erstellt. In Trophies
9 (Anorexia Nervosa) ist der Körper schon vor dem Bild zur
Puppe verstellt.
In
allen Beispielen wird die Wucht der Mikrophysik der Macht nachgezeichnet,
werden die "Gesetze der Optik"35 in ihrem Symbolgehalt thematisiert.
Und es scheint, dass die Regisseure von The Matrix einen
internen ironischen Verweis anbringen, wenn die Polizisten Trinity
vor der Festnahme zurufen: "Police! Freeze!"36. Was dann, wie
beschrieben, auch geschieht, nur eben als filmisches Freeze.
Wo
Macht heute den virtuellen Körper meint, war sie ehedem am
realen, physischen Körper mit dem Ziel interessiert, ihn
gelehrig zu machen. Gegenwärtig lässt sie die Subjekte
im Zweifel darüber zurück, ob sie durch die Verdopplung
im eigensinnigen Zeichen eine Freiheit gewinnen oder sich identitätslos
zurückgelassen finden, weil es keine Versicherung zwischen
Referenz und Signifikanz gibt. Wirkte die Macht früher überformend,
ist sie heute verantwortlich für eine umfassende Spaltung
zwischen Welt und Zeichen, die eine Repräsentation prekär
macht. Die Totalisierung des Bildkörpers kann durchaus als
paradox bezeichnet werden, und es ist nicht absehbar, welche Konsequenzen
sich daraus für die Konstitution des Körperbildes ergeben
werden. Die Neukonstellierung von Medium und Psychophysis hat
gerade erst begonnen, definitive Aussagen sind zum gegenwärtigen
Zeitpunkt nicht möglich.
Sander
und die Wachowskis reagieren auf den postmodernen Einschnitt,
auf den semiokratischen Kosmos, in dem die Anthropologie sich
aufzulösen scheint. Sie benutzen das zentroramatische Schema
als Bedingung für eine Isolierung ihrer Objekte und folglich
für die Verfügbarmachung im Zeichen. Die Ähnlichkeit
zwischen Objekt und Original bei gleichzeitiger Derealisierung
der Kontexte hat allerdings eine kritische Funktion, denn sie
ruft ins Gedächtnis, was Medientechnik ist: Mitte zwischen
zwei Existenzformen.
Am
vorläufigen Ende der Entwicklung steht eine Bewusstwerdung:
In der Skulptur wie im Film wird die schematisierende Wirkung
von Medientechnik als machtkonstitutiv ausgestellt. Sie ist nicht
mehr wie ehedem Symbol der Macht, sondern Ort ihrer Geburt. Die
sich selbst reflektierende Medientechnik setzt den Akzent auf
die Exposition der Transformationsprozesse. Das Original erscheint
nun wie ein Material, aus dem das mediale Dispositiv eine frei
verfügbare Zeichensache zaubert. Der Aussagemodus verschiebt
sich dabei vom "Das ist" hin zu einem "Das geschieht". Das neue
Paradigma spielt aber noch mit den Fallen des aussagenden Illusionismus,
um ihn anschließend zu desillusionieren. Anders gesagt:
Die alte Wirkung des Schemas wird noch einmal inszeniert, um sie
als obsolet ausweisen zu können. Die feinkörnige Erfassung
durch die mediale Formation ist Voraussetzung für die Negation
der Natur des Originals.
Schluss
Ich kehre an den Anfang zurück, zu den vier Sekunden aus
The Matrix – vier Sekunden, die keiner realen Zeit
entsprechen, montiert aus der Addition des selben Sekundenbruchteils.
Der Film konstruiert eine künstliche Zeit zwischen zwei Augenaufschlägen,
einen kurzen Vorbeiflug eines Hybriden aus Fotografie und Motion
Picture. Tempus fugit?
Es
geht um mehr: Die Sache ist eine Garbe aus Zeiten. Zu der Zeit
der Produktion und der Performance gesellt sich die Zeit der Hermeneutik.
Ich muss sehen, lesen, zusammenlesen. Das Ereignis mag mich bannen,
für einen Moment, doch komme ich nicht umhin, es mit dem
Erzählsinn zu verknüpfen. Ich bewege mich fort, verlängere
die Zeitlinie. Was vorüber geht, ist damit noch nicht vorbei.
Das Ephemere des Ereignisses werde ich erinnern – nicht
um es beschreiben zu können, sondern um es zu verstehen.
Die
Garbe füllt sich weiter. Der ästhetische Einfall führt
mit sich das Hintergrundrauschen einer Vorgeschichte. Sie ist
unsichtbar und erratisch. Nehme ich an, es gäbe ein kulturelles
Gedächtnis, so könnte diese Geschichte sogar als unheimlich
gelten. Ich begegne dem Vergessenen in neuer Gestalt: Ist es nicht
bemerkenswert, dass alle Kommentatoren des Time-Slice-Effekts
als historischen Vorläufer lediglich Eadweard Muybridge erwähnen?
Die Analyse der Geschichte der Multiperspektivität und des
Schematransfers sollte ein Stück des medialen Un-Heimlichen
der viersekündigen Sequenz hervortreten lassen.
Nicht
nur ist also das Ephemere selbst in der hermeneutischen Zeit zu
erinnern – es gibt auch Anlass, die darin versteckte historische
Zeit zurückzurufen. Das Flüchtige verfügt über
eine dichte Zeit, die sich nicht zeigt, die gesucht werden muss.
1 Wachowski, Larry & Andy: The
Matrix (Screenplay), S. 5. In:
http://www.geocities.com/Area51/Capsule/8448/Matrix.txt, 17.5.2001.
2
Linnett, Richard: The Gondry Effect: the Master of the Frozen Moment
Incites Multi-camera Mania (1998). In:
http://www.findarticles.com/cf–0/m0DUO/n19–v39/20899708/p1/
article.jhtml?term=gondry+effect 17.5.2001.
3 Siehe Joe Fordham, Tim MacMillans’s Time-Slice Films (2000),
in:
http://www.vfxpro.com/article/printerfriendly/0,7226,106436,00.html
http://www.timeslicefilms.com. Ein kurzes Interview mit MacMillan
findet sich unter dem Titel "The Matrix: Time-Slice Technology",
in:
http://www.6degrees.co.uk/en/2/199908ftthematrix–1.html. Den
wichtigen Hinweis auf Tim MacMillan verdanke ich Julia Wirxel.
4 Eine ausführliche Darstellung des Herstellungsprozesses findet
sich unter folgender Webadresse: http://www.tecmath.de/html/deutsch/stage/presse/kunst/
karinsandermodellplastik.shtml, 26.1.2001.
5 Die Fotoskulptur hat ihre eigene Geschichte, die ich hier nur
streife. Nähere Hinweise und Quellen finden sich bei Beckmann,
Angelika: Fotoskulptur. Überlegungen zu einem Bildmedium des
19. Jahrhunderts. In: Fotogeschichte, Nr. 39, 1991, S. 3-16.
6 Siehe Sorel, Philippe: Photosculpture — The Fortunes of
a Sculptural Process Based on Photography. In: Reynaud, Françoise;
Tambrun, Catherine; Timby Kim (Hg.): Paris in 3D. Paris (Booth-Clibborn)
2000, S. 81-89.
7 Siehe auch die zeitgenössische Illustration des Ateliers
aus Le Monde Illustré des Jahres 1864, reproduziert
bei Sorel, Photosculpture, S. 82; Beckmann, Fotoskulptur, S. 4.
8 Gautier, Théophile: Photosculpture. In: Le Moniteur universel,
4 Janvier 1864, S. 12.
9 Gautier: Photosculpture, S. 12.
10 Siehe Fordham, Time-Slice Films.
11 Foucault, Michel: Die Malerei von Manet. Berlin (Merve) 1999,
S. 11.
12 Foucault: Manet, S. 43.
13 Foucault: Manet, S. 47.
14 Siehe Reynaud et. al., Paris, S. 150-151; Beckmann, Fotoskulptur.
15 Boccioni, Umberto: Bildnerischer Dynamismus. In: Schmidt-Bergmann,
Hansgeorg: Futurismus. Reinbek b. Hamburg (Rowohlt) 1993, S. 323.
16 Siehe zum Beispiel das "Multiple Selbstporträt in Spiegeln"
von Stanislaw Ignacy Witkiewicz in: Immisch, T.O.; Göltz, Klaus
E.; Pohlmann, Ulrich (eds.): Witkacy. Metaphysische Porträts.
Leipzig (Connewitzer Verlagsbuchhandlung) 1997, S. 39-43.
17 Hopkins, Albert A.: Magic. Stage Illusions and Scientific Diversions.
New York (Dover Publications) 1976, S. 451-453 (Reprint aus dem
Jahre 1898).
18 Gautier, Photosculpture, S. 12.
19 Immer noch maßgeblich: Oettermann, Stephan: Das Panorama,
Frankfurt/M. (Syndikat) 1980; Foucault, Michel: Überwachen
und Strafen, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1994.
20 Siehe Schmidt, Gunnar: Von Tropfen und Spiegeln. In: Marianne
Schuller, Gunnar Schmidt, Mikrologien, Bielefeld 2003.
21 Starobinski, Jean: Die Erfindung der Freiheit 1700-1789, Frankfurt/M.
(S. Fischer) 1988, S. 198. Siehe auch Bernhard Stoloff, der ein
"neues Phänomen eines Mittelpunkts" in der Architektur Ledoux’
erkennt. Stoloff, Bernhard: Die Affäre Ledoux, Braunschweig
(Friedr. Vieweg & Sohn) 1983, S. 66.
22 Diese Umkehrung des Blicks wird auch auch vom sogenannten Kaiserpanorama
ab 1880 vorgenommen. Um einen hölzernen Zylinder saßen
25 Zuschauer, die durch Gucklöcher auf Glasstereos sahen. Die
Illusion eines Horizonts teilt dieses optische Gerät noch mit
dem herkömmlichen Panorama, aber die Versenkung des multiplizierten
Blicks in ein architektonisches Zentrum ist hier das Prinzip der
Blickverteilung. Die doppelte Situation von imaginärer Weite
und realer Zentrierung fasst Walter Benjamin in seinem kleinen Text
"Kaiserpanorama" mit der Formulierung, dass man sich daran gewöhnt
hatte, im "Zimmer rundzureisen". Benjamin, Walter: Berliner Kindheit,
Frankfurt/M. (Suhrkamp) 2000, S. 17. Siehe auch Oettermann, Panorama,
S. 183-186.
23 Oettermann, Panorama, S. 18.
24 Foucault: Überwachen, S. 258
25 Foucault: Überwachen, S. 288.
26 Als Paraphrase auf diesen Satz ließe sich das Credo Tim
MacMillans lesen: "What I’ve always been interested in with
my time-slice photography is schooting reality — the foreground,
the background, the midground...". Siehe Siehe Fordham, Time-Slice
Films.
27 Dass ich mit diesem Satz auf ein gegenwärtiges Fernsehformat,
sogenannte Reality Soaps, anspiele, in dem genau diese Spannung
zwischen Gefängnisüberwachung und Selbstdarstellung das
dramaturgische Konstrukt ist, sei hiermit noch einmal explizit gesagt.
28 Siehe dazu ausführlich Regener, Susanne: Fotografische Erfassung.
München (Fink) 1999, S. 111ff. Im Übrigen kann man sagen,
dass das zentroramatische und panoramatische Dispositiv in der Weltraumüberwachung
zusammenfallen. Der Globus als Zentrum und ultimatives Panorama
von Sichtmaschinen.
29 Foucault, Überwachen, 275.
30 Meine Überlegungen zum Schematransfer sind inspiriert vom
Konzept der Intertextualität. Die entscheidende Differenz besteht
in dem Umstand, dass das intertextuelle oder interikonische Zeichen
ästhetisch aufleuchtet, das Schema hingegen ein unsinnliches
Potential darstellt.
31 Foucault, Michel: Archäologie des Wissens. Frankfurt/M (Suhrkamp)
1986, S. 50.
32 Bourdieu, Pierre: The Rules of Art. Stanford (Stanford University
Press) 1995, S. 133.
33 Nur wenige Jahre nach Marcel Duchamp autour d'une table
verschafft sich der Künstler eine zweite Identität und
verwandelt sich in Rrose Sélavy: "Ich wollte eben eine zweite
Identität haben, das ist alles." Duchamp, Marcel: Interviews
und Statements. Stuttgart (Edition Cantz) 1992, S. 184.
34 Foucault: Überwachen, 127.
35 Foucault: Überwachen, 229.
36 Wachowski: Matrix, S. 3.