 |

Abb.
8 Jack Kirby (Illustration):
Tales to Astonish, 1966
|
|
Menschenschwärme,
Schwarmmenschen
Literarische Imaginationen zu einem
Begriff
Einleitung
Wer sich mit dem in Mode gekommenen Begriff des Schwarms zu beschäftigen
beginnt, befindet sich unvermittelt selbst in einem Schwarm –
einem Schwarm aus Buzzwords: swarm intelligence, swarm logic,
swarm communication, swarm robotics, mass swarming, swarm streaming,
swarm behavior, swarm war, swarm tactics, swarm science, swarm
creativity usw. Eingebettet in unterschiedliche Komposita wandert
der Begriff zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen der Informatik,
Verhaltensbiologie, Mikrobiologie, Nanotechnologie, Robotik, Soziologie
und Psychologie. Der Signifikant ist zu einem Heftpunkt für
unterschiedliche Aspekte des Aggregrierens geworden: Synchronizität
von Verhaltensabläufen, Aktions-Reaktionskomplexe, Vernetzungs-,
System-, Struktur- und Formationsbildungen, Emergenz, Selbstorganisation
und Intelligenz. So bildstark er einerseits vorwissenschaftliche
Vorstellungen von Vögel-, Fisch- und Insektenverhalten aufruft,
so ungenau facettenreich ist der Begriff im Feld seiner Verwendungen:
Ist er mal eng an biologische Phänomene geknüpft (z.B.
swarm robotics), fungiert er in anderen Kontexten eher als Sinnbild
(z.B. swarm tactics). Es ist dieses Changieren zwischen empirischer
Tierbiologie und der Adaption auf menschliche Gegebenheiten, das
die Frage nach dem Status des Begriffs aufwirft: Steht dahinter
eine Tendenz, den Logos von Tieren mit den der Menschen zu vereinen?
Bringt er den Wunsch zum Ausdruck, die bewunderungswürdige
Organisation von Tieren als neue Rationalität für den
Menschen attraktiv zu machen? Es scheint, dass Schwarmverhalten
kaum Angst verursacht, obwohl es das Gegenbild zum über Jahrhunderte
mühselig erworbenen Individualismus darstellt. Was ist also
die Attraktivität des Begriffs?
Darauf soll zunächst keine Antwort gegeben werden. Die schlaglichtartige
Beleuchtung der gegenwärtigen Begriffssituation soll vorläufig
nicht mehr als ein Hinweis darauf sein, dass ein weiträumiges
Konzept mit auffälliger Publizität kursiert. So wie
die Begriffe auf Sachverhalte der Konnektivität und Interdependenz
reagieren, wie auch die dahinter stehenden Techniken diese Sachverhalte
mitgenerieren, drängt sich die Frage auf, wie das außerwissenschaftliche
Bewusstsein darauf reagiert. Die Ausdehnung der Schwarm-Begrifflichkeiten
innerhalb der Wissenschaften ist nur ein Symptom für einen
allgemeinen kulturellen Symbolbedarf. Die Aufdringlichkeit des
Schwarmbegriffs leitet daher über zu einer Recherche, die
den Spuren auch in der Literatur nachgeht, um dort die Darstellungsweisen,
Semantiken und kulturellen Funktionen zu ermitteln.
Ab Oktober 2010 zu beziehen unter: www.intermediales-design.de

|
 |