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Der Karneval des Leigh Bowery
Selbstdarstellung jenseits der Identitäten
Auftritt
Nachdem Leigh Bowery, Student des Modedesigns in Melbourne, im Alter von 19 Jahren nach London gezogen war und die Clubszene kennengelernt hatte, notiert er zum Jahreswechsel 1980/81 einige Vorsätze in sein personal journal. Darunter auch dies: „Become established in the world of art, fashion, or literature. Wear make-up everyday.“
Schon in diesen kurzen Sätzen scheint auf, was späterhin zur Signatur der Kleidung und Performance Leigh Bowerys werden sollte: das Amalgam aus Selbstinszenierung und Werkproduktion, der Übergang zwischen Mode und Kunst, das Thema des Geschlechts. Doch nicht nur das. Lässt man die Bekleidungsdesigns dieses Exzentrikers vorbeidefilieren, fällt ein Paradox auf: Die Vielgestaltigkeit, ja, die Uneinheitlichkeit wird zum Ausweis einer unverwechselbaren „Personalmode“. Ließe sich aus dieser Beobachtung und begrifflichen Fixierung die weiterführende Interpretation ableiten, dass der Wandel der Hüllen nicht als Verflüssigung, sondern als Ausweis von Identität aufzufassen ist?
Mit einer derartigen Voreingenommenheit könnte die Versuchung verknüpft sein, einen Bildungsroman folgen zu lassen oder das Porträt des Künstlers als junger Mann zeichnen zu wollen. Die Kurzcharakterisierung mit ihren Stichworten gibt aber auch Anlass, die sich aufdrängenden Resonanzen aus der ästhetischen Umwelt jener Epoche aufzuführen. Die Entwicklung hin zu einer parakünstlerischen Existenz, die sich durch Kleidung und Verkleidung, durch provokante Aktionen – oder sollte man sagen Attitüden – auszeichnet, fällt in eine Zeit, die sich als postmodern begreifen wird. Auch wenn im Rückblick dieser Begriff modisch überstrapaziert wurde und sich dadurch verbraucht hat, wird mit ihm etwas angezeigt, das für die Kostümästhetik Bowerys charakteristisch ist: der zeittypische Eklektizismus, der parallel auch in der Literatur, Kunst und Architektur als Verfahren aktuell war. Nehmen wir ruhig das Verdikt auf, das Jean-Francois Lyotard für Werke dieser Provenienz gewählt hat: „Postmodernismus der Abschlaffung“. Bowerys heterogene Zeichenwelt ließe sich analog als Abkömmling eines wilden Historismus lesen, in dem auf engstem Raum Abgelebtes aufgenommen und durcheinander gebracht wird. Historische Allusion, Parodie und Sampling nehmen dabei die Geschichtszeichen nicht mehr ernst, sondern höhlen sie frivol aus, indem sie zu einem oberflächlichen Patchwork kombiniert werden.
Ist mit dieser historisch-ästhetischen Lokalisierung aber das Entscheidende gesagt? Bowerys Erscheinung ist eine Beunruhigung eigen, die nicht allein mit der formalen Uneinheitlichkeit zu erklären ist. Anders als die effektvollen Kombinationen der schlaffen Postmoderne zeigen seine Formgebungen eine Brüchigkeit, die von einer Erfahrung zu künden scheint, die das Subjekt auf eine Probe stellt.
Weitere Kapitel:
Exzentrik
Die Morphologie der Häute
Die ästhetischen Codes
Melancholie?
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