Klavierzerstörungen in Kunst und Popkultur

1962 fand in Wiesbaden das legendäre Festum Fluxorum statt. Heute gilt dieses Festival als das Initialereignis für die Fluxuskunst. Obwohl während der mehrtägigen Veranstaltung eine Vielzahl an Konzerten und Performances aufgeführt wurden, verdankt es seinen nachhaltigen Ruhm ausschließlich der kollektiv durchgeführten Klavierzerstörung (Piano Activities). Beteiligt an dieser Performance waren George Maciunas, Dick Higgins, Emmett Williams, Ben Patterson, Nam June Paik, Wolf Vostell und Alison Knowles. Dieses für die Entwicklung der Performancekunst wichtige Ereignis bildet den Ausgangspunkt für eine Monografie zur Geschichte der Klavierdestruktion. In mehrfacher Hinsicht bietet die historiografische Aufarbeitung, wie sie für vorliegendes Buchprojekt vorgenommen wird, neue Einsichten in die moderne Kultur der Destruktivität:
Zwar wurde eine kleine Zahl von Performances aus dem Kontext von Fluxus, Nouveau Réalisme und Destruction Art wiederkehrend in kunstgeschichtlichen Darstellungen besprochen (z.B. Joseph Beuys, Arman, Jean Tinguely, Ralph Montanez Ortiz). Allerdings tendieren diese Erörterungen eindimensional zum Anekdotischen und zu der allgemeingültigenden Festschreibung, dass die Destruktionen als Provokation gemeint waren. Darüber hinaus blieben eine Reihe von durchaus relevanten Manifestationen bisher ausgespart (z.B. Karl-Erik Welin, Alejandro Jodorowsky, Carles Santos).

Raphael Montañez Ortiz, 1966

Ein wichtiger und für den Gegenstand innovativer Zugang besteht aber vor allem darin, dass das Phänomen der Klavierzerstörung auf eine umfassendere Material- und damit aussagestarke Interpretationsbasis gestellt wird: Vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute ist die Klavierdestruktion nicht nur in der Kunst, sondern in unterschiedlichen kulturellen Segmenten und Medien aufzufinden. Sie wird auf teilweise drastische Weise im Slapstickfilm (z.B. Charlie Chaplin, Laurel und Hardy, Marx Brothers), Cartoonfilm (bekannte Disney-, Tex-Avery-Produktionen), im Vaudeville (Jimmy Durante), im Popvideo (z.B. Beatles, Art of Noise), in der Literatur (z.B. Robert Musil, Heinrich Böll), in der Musik (z.B. Annea Lockwood, Yosuke Yamashita) und im Kunstvideo (Clemens von Wedemeyer) betrieben. Bisher gibt es keine Monografie, die diese intermediale Perspektive einnimmt – weder in der Kunst-, Film-, Literatur- oder Medienwissenschaft.
Mit Blick auf die Vielzahl der Destruktionsäußerungen stellt sich unweigerlich die Frage, was diese Welle an Zerstörungswut verursacht hat. Das Projekt einer ästhetischen Pathologie, in dem die Geschichte der Klavierzerstörungen in der Moderne überblickt wird, belegt die These, dass die Instrumentendestruktion als affektiver Komplex aufzufassen ist. In ihm werden sowohl akute Beengungserfahrungen wie auch zurückliegende Traumatisierungen aufgrund historischer Großkatastrophen (Kriege, Kalter Krieg, Wirtschaftskrisen) bearbeitet. Die für bestimmte Phasen auffällige Häufung und die performativ ausgelebte Intensität der Klavierdemolierungen müssen als Symptome wahrgenommen werden, in denen ein kulturelles Psychoklima zum Ausdruck kommt. In diesem Sinne wird Pathologie als Untersuchung der Leiden und Leidenschaften verstanden, die sich ästhetisch artikulieren.

Inhalt

Vorwort
1. Die Anarchie des Vaudeville: Jimmy Durante
2. Destruktivität im Slapstick: Charlie Chaplin, Laurel & Hardy, Marx Brothers
3. Die manisch-depressive Reaktion: Cartoonfilm 1929–1932
4. Dionysischer Protest: Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften
5. Affektproduktion im Kalten Krieg: Cartoonfilm nach 1945
6. Kollektiver Expressionismus: Kunstbohème von San Francisco
7. Von der Wut gegen die Enge: Wiener Gruppe, Arman
8. Antifaschistischer Zorn: Karl Valentins Mozart
9. Die Ambivalenz der Selbstdestruktion: Jean Tinguely
10. Verrückte Kunst in verrückter Welt: Nam June Paik
11. Klavieraktivitäten: George Maciunas, Joseph Beuys, Karl-Erik Welin, Ben Vautier, Leonhard Lapin
12. Der geöffnete Abgrund: Uwe Timms Freitisch
13. Nagelklaviere: George Maciunas, Tomas Schmit, Philip Corner, Robert Bozzi, Günther Uecker, Carles Santos
14. Brennende Klaviere: Jerry Lewis, Alejandro Jodorowsky, Annea Lockwood, Yosuke Yamashita, Arman, Chiharu Shiota
15. Piano Drop: Al Hansen, Robert Bozzi, Ken Friedman
16. Kriegsbiografien: Zur Affektpathologie der Klavierzerstörung
17. Zerstörung als Therapeutikum: Alejandro Jodorowsky, Raphael Montañez Ortiz
18. Trümmer der Geschichte: Heinrich Bölls Frauen vor Flusslandschaft
19. Ästhetik der Auseinander-Setzung: Philip Corner
20. Pop-Attitüden: Beatles, Art of Noise, In Legend, Jamie Cullum
21. Erinnerung an die Moderne: John Montagues The Family Piano
22. Die Wiederkehr der Geschichte: Masayuki Akamatsu, Rowan Vince
23. Die Langeweile der Destruktion: Clemens von Wedemeyer