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Eva Hesse: Ennead,
1966
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Ästhetik
des Fadens
Vorwort
Glaubt man der Sprache, so ist der Faden das Medium für Verbindungen
und Zusammenhänge: Ist der Faden einmal verloren, kann er
wieder aufgenommen werden; was am seidenen Faden hängt, ist
kostbar und braucht weitere Sicherung; und wer alle Fäden
in der Hand hat, kann auch effektvoll an ihnen ziehen. Der rote
Faden wiederum sorgt dafür, dass der Sinn nicht verloren
geht. Reißt hingegen der Geduldsfaden, ist eine Verbindung
gekappt. Wer es jedoch versteht, jemanden zu umgarnen, hat eine
Verbindung geknüpft. So auch der, der etwas einzufädeln
versteht: Er schafft Beziehungen, Verknüpfungen, Netzwerke.
Noch in der beleidigendsten Bezeichnung eines Menschen als Spinner
schwingt die Bewunderung für die Kreativität des Zusammenbringens.
In diesem semantischen Feld steht das Wort Bindfaden als sprachliche
Apotheose, in der das Zusammenschnüren beinahe schon begrifflich
wird.
Aber die Sprache mit ihrem metaphorischen Drängen eilt voraus.
Die Sache selbst ist anzuschauen, noch bevor sie Sinn macht.
Ein eigenwilliger Status ist den Fäden und Schnüren
eigen, ein Status der Undeutlichkeit und Zwischenhaftigkeit: Einerseits
sind sie Produkte, von Händen oder Maschinen Gemachtes, die
der Welt der Zweckhaftigkeit zugedacht sind. Längst nicht
mehr Rohstoff oder Rohmaterial ist der Faden ein raffiniertes
Ding. Gleichzeitig haben ihn Verfeinerung und Formung noch nicht
auf die Höhe letztlicher Bestimmung gebracht. Denn es gilt
die Frage: Wozu ist ein Faden nütze? Eine einfache Antwort
gibt es nicht. Andere Sachen werden mit einem klaren Auftrag versehen:
Eine Wand schützt, ein Rad soll sich drehen, eine Jacke wärmen,
ein Stuhl stützen. Der Faden hingegen ist ein Ding im Wartezustand,
er muss erst auf den Weg einer Bestimmung gebracht werden. Er
ist, in Abwandlung eines Musilschen Konzepts, ein Ding ohne Eigenschaften
– aber damit eines mit Möglichkeitsrichtungen. An den
Faden heften sich eine Reihe von Fragen, die unterschiedliche
Wünsche und Bedürfnisse anzeigen:
Möchte ich mit ihm etwas zusammennähen oder an ihm etwas
befestigen; soll er etwas umbinden und mit einem Knoten halten?
Werde ich ihn schmückend nutzen, werde ich ihn verstricken,
versticken, verhäkeln oder verklöppeln? Jemand mag ihn
zum Schreiben verwenden, wobei nicht Papier, sondern Tuch seine
Unterlage ist. Wer nicht schreiben mag, spannt ihn auf, um daran
zu zupfen, damit seinen Schwingungen einen Ton erzeugen. Doch
auch der schändliche Gebrauch ist denkbar – für
das Fesseln, An- und Abbinden, Festhalten. Auch die Spinne spinnt
ihren Faden, um sich daran abzuseilen oder um ihre Opfer im aufgespannten
Netz damit zu fangen. Halten wir uns lieber an die Kinder, die
Fadenspiele spielen und Muster machen oder Dinge an Fäden
hinter sich herziehen.
Der Faden ist ohne System, Gebrauchsoffenheit seine Qualität.
Im ungenutzten Zustand beinhaltet er ein Potential, deren Realisierung
ihn erst zum Objekt macht. Jemand muss ihn ergreifen, ihn gestalten,
ihm eine Funktion geben.
Gibt es einen Begriff für dieses Ding ohne Eigenschaften?
Proto-Objekt, Quasi-Objekt(1), Zwischending, boundery object?
Oder ist es in neologistischer Wendung ein Nonjekt, ein Ding,
das weder Sub-, Ob- noch Abjekt ist? Eine letztgültige begriffliche
Entscheidung muss nicht gefällt werden. Wenn in dieser Schrift
Fäden und Schnüre Untersuchungsgegenstand sind, so werden,
ausgehend von ihrem Status des Noch-Nicht, die Wege in die symbolische
Verwendung verfolgt.
Die Sublimierung des Materials zum Symbol ist das eigentliche
Terrain der Kunst. In diesem Sinne ist der schillernde Begriff
der Ästhetik im Titel konventionell konnotiert: Nachgefolgt
wird den Erscheinungsformen, wie sie in der Kunst der Moderne
Einlass gefunden haben. Nicht der pragmatische Gebrauch wird also
Ge- genstand sein, sondern die sinnhaften Aufladungen, die durch
die ästhetischen Gebrauchsweisen und künstlerischen
Strategien entstehen.
Die Entscheidung für die Fokussierung auf Fäden und
Schnüre entstand aus einer Beschäftigung mit textilen
Materialien in der Kunst. In dem inkohärenten Nebeneinander
einzelner Phänomene zeichnete sich mit einem Mal dieser Verbund
des Material-Ähnlichen ab. Wenn Joseph Beuys und Robert Morris
je mit Filz arbeiteten, Christian Boltansky und Michelangelo Pistoletto
Lumpen inszenierten, oder Claes Oldenburg und Louise Bourgeois
weiche Skulpturen verfertigten, so scheinen dies zufällige
und äußerst heterogene Paarungen zu sein, aus denen
kein eigenständiges Untersuchungsfeld zu konstruieren ist.
Anders der sich wiederholende Einsatz des Fadens. Es scheint,
als liege mit ihm ein Reichtum an Möglichkeiten vor, der
zur Vielfalt der Expression ermuntert.
Die Untersuchungen der Kunstwissenschaft und Kunstkritik zum erweiterten
Kunstbegriff, der explosionsartig seit den sechziger Jahren des
20. Jahrhunderts eine unübersehbare Vielzahl an Strategien,
Konzepten und Materialverwendungen hervorbrachte, haben bisher
die künstlerischen Arbeiten mit diesem Nonjekt nicht systematisch
zusammengeführt. Die Engführung, wie sie in vorliegendem
Versuch vorgenommen wird, konstruiert also implizit ein Gegenstandsfeld.
Behauptet wird damit nicht eine – wie auch immer begründbare
– Genealogie zwischen den einzelnen künstlerischen
Produktionen und Positionen. Zu kontingent und verstreut erscheinen
sie dem Betrachter. Wenn der Essay sich als nicht-stringente Ästhetik
versteht, so geht es um die positivistische Tugend des Zusammenführens
unterschiedlicher künstlerischen Verwendungen von Faden-
und Schnurmaterial. Solches Benennen geht über in Interpretationen:
Die Sinnvorräte des Nonjekts, die durch die Kunst aktualisiert
werden, werden zur Sprache gebracht. Es wird sich erweisen, dass
die Fadenkunst Aussagen zu Tatbeständen der Kommunikation,
des Körpers, der Wahrnehmung sowie des Handelns formuliert.
Dass die Führung durch das Panoptikum der Kunst der Fäden
und Schnüre sich als Versuch versteht, gehört selbst
zur Logik des Fadens: Der vorliegende Essay garantiert nicht einen
Gang durch die Ausstellung, in der Ariadnes Faden den rechten
Weg markiert.(2) Weder werden daher die Kunstkritik mit ihren
Wertungen noch die Kunstwissenschaft mit ihrer Wahrheit angerufen.
Theseus mag sich verirren oder zu unerwarteten Gängen finden
– die Sache der Kunst ist selbst resistent gegen Systematisierungen
und gegen die Logik der Linearität. Die Lektüre erfordert
also nicht, dass der Leser den Eingang am Anfang und den Ausgang
am Schluss nimmt, er ist eingeladen, seine eigene gelehrte Topografie
zu erschaffen mit Verknüpfungen oder weiteren Anbindungen.
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(1)
Zur Theorie des Quasi-Objekts siehe Michel Serres, Der Parasit,
Frankfurt/M. 1984, 344-360.
(2)
Vgl. Michel Foucaults moderne Version des Ariadne-Mythos: Michel
Foucault, Der Ariadne-Faden ist gerissen, in: Aisthesis. Wahrnehmung
heute oder eine andere Ästhetik, Berlin 1991, 408.
In:
Gunnar Schmidt, Ästhetik des Fadens: Über ein Material
in der Avantgardekunst. Bielefeld 2007 (transcript verlag).
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