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Der
Karneval des Leigh Bowery
Kleidung als paralogische Inszenierung
In seinem 1917 veröffentlichten Text Der gemordete Dichter
lässt der französische Schriftsteller Guillaume Apollinaire
die Figur der Tristouse Ballerinette über zwei Seiten Auskunft
über die aktuellste Mode geben. Sie erwähnt allerlei
skurrile Materialien, die eine Verbindung mit dem Kleid der Frau
eingehen: kalbslederne Buchrücken, Jacobsmuscheln, venezianisches
Glas, Kaffeebohnen und künstliche Augen. Am Ende ihres Berichts
übermittelt sie noch dies: „Ich habe eine Dame getroffen,
auf deren Hut zwanzig Vögel: Zeisige, Stieglitze, Rotkehlchen,
am Fuß durch einen Faden gehalten, aus vollem Halse und
mit Flügeln schlagend, sangen. [...] am letzten Mittwoch
habe ich auf den Boulevards eine alte Schachtel gesehen, ganz
in kleine Spiegel gekleidet. [...] Die Wirkung war – in
der Sonne – prachtvoll. [...] eine promenierende Goldmine.“
Gewiss, heute wird man kaum verwundert über diese literarische
Erfindung sein, werden doch ähnliche Kleidungsstücke
an den Schulen für Modedesigner und zuweilen von Mode-Designern
Jahr für Jahr erfunden.
[Folie 1]
In der Rückschau hat Walter Benjamin diese Passage jedoch
in ihrer visionären Qualität erkannt und als „eine
der wichtigsten Stellen zur Beleuchtung der exzentrischen, revolutionären
und surrealistischen Möglichkeiten der Mode“ charakterisiert.
Wenn ich im Hintergrund einige der Kreationen Leigh Bowerys aus
den 80er und 90er Jahren zirkulieren ließ, dann können
wir in ihnen Realisierungen dieser Möglichkeiten erkennen,
die rund 70 Jahre zuvor Apollinaire andeutete. Mit Blick auf die
Bilder lässt sich das Exzentrische und Surrealistische mit
weiteren Adjektiven nun reichhaltiger auszeichnen: extrem, provokant,
hybrid, unnatürlich, karnevalesk, hypertroph, bizarr, grotesk
oder gar monströs. Gerade die letztgenannten Charakterisierungen
deuten an, dass es sich um eine Kleidung handelt, die sich zum
Teil gegen den natürlichen Körper richtet und eine Künstlichkeit
ausstellt, die ihn in einen Kosmos des Halluzinatorischen oder
Traumhaften zu versetzen scheint.
Dabei reißen die Begriffe einen Problemhorizont auf. Geht
man nämlich von der grundlegenden Einsicht aus, dass Kleidung
– welche auch immer – den Einzelnen in das unsichtbare
Netzwerk der Gesellschaft hineinstellt , dann fragt sich hier,
auf welches gesellschaftliche Teilgefüge diese Kleidung verweist.
Oder ist vielmehr ein Modell in Szene gesetzt, dass über
das Gesellschaftliche hinausstrahlt, eine Utopie, eine andere
Bühne anstrebt? Ist sie also im wörtlichen Sinne als
exzentrisch zu verstehen? Als Kleidung ohne Zentrum, ohne fixierbaren
Ort?
Ich möchte diese These verfolgen und genauer fassen. Wenn
ich dabei – wie im Titel angedeutet – von Paralogik
spreche, dann meine ich damit, dass Leigh Bowery in seiner vestimentären
Codedurchmischung wie auch in seiner performativen Belebung der
Kleidung immer ein Daneben, ein Zwischen – eben ein Para
inszeniert. Von Logik ist insofern zu sprechen, da es ihm gelingt,
dieses Daneben-Sein in Relation zu diversen Bezugsparametern zu
realisieren. Analytisch möchte ich drei dieser Bezugsparameter
unterscheiden:
1. die Topologie der Häute
2. die ästhetischen Codes
3. Körperkonzept und soziale Ortung.
Die Topologie der Häute
Der erste Eindruck, den die Kleidung Bowerys aussendet, ist der
der Überfülle an Reizen. Gegen diese Eindrücklichkeit
möchte ich den analytischen Blick ins Spiel zu bringen, um
die darin eingelagerten Strategien der Konstruktion zu erkunden.
Dazu dient mir in einem ersten Schritt das Konzept von der ersten,
zweiten und dritten Haut. Dieses Konzept geht auf die prothetische
Medientheorie Marshall McLuhans zurück, wonach Kleidung (2.
Haut) wie Wohnraum (3. Haut) als Ausweitung der ersten natürlichen
Haut aufgefasst werden. Ist damit zunächst die Idee einer
Ausdehnung des physiologischen und psycho-sozialen Lebens gemeint
– Wärmeökonomie und Organschutz einerseits, die
Haut als Ich-Halterung andrerseits –, interessiert mich
der topologische Aspekt an dieser Dreiteilung. Sie basiert auf
der richtigen wie schlichten Beobachtung, dass sich die Sphären
der Kleidung und des Wohnraums wie Schalen mit je eignen Ausdehnungen
um die erste Haut legen. Die Häute berühren sich, stellen
jedoch eigensinnige Entitäten dar. Der Körpernukleus
wird also – um ein weiteres Bild zu benutzen – von
Hautsatelliten in unterschiedlichen Entfernungen umbahnt.
Bowery unterliegt notwendigerweise dieser Struktur, doch setzt
er einige Mittel ein, um Vermischungen, Übersprunge oder
Grenzverunklarungen zwischen den topografischen Ordnungen herzustellen.
Schauen wir zunächst, was zwischen der ersten und zweiten
Haut geschieht:
Die Erfindungen und Kniffe zur Vertauschung der beiden Sphären
spielen auf der Grenzlinie von Kosmetik und Kleidung.
[Folie 2]
Wenn Bowery an Stelle des Kopfhaares eine farbige Soße gerinnen
lässt, dann ruft er Assoziationen an Körperflüssigkeiten
auf. Ein Kritiker hat darin das Hervor-sprudeln von Blut erkannt:
„rivulets of iridescent purple glue spilled like blood from
the top of his shaved head. Das Innere tritt als verfremdete Emanation
nach außen und formiert sich dort als Hybrid aus Körper
und Fremdkörper. In die gleiche Kategorie gehört die
wiederkehrende Applikation von Lippensymbolen, kaum mehr als obszöne
Lochsignale, die mit Sicherheitsnadeln direkt ins Fleisch gebohrt
werden.
[Folie 3]
Die Wunde, die man noch bei dem verflüssigten Kopfhaar imaginieren
konnte, wird nun realisiert. So explizit künstlich die Lippenattrappen
sind, so deutlich wird die erste Haut in ihrer natürlichen
Verletzbarkeit angezeigt. Die Nadeln, die sowohl die Kunstlippen
wie die Wangen durchlöchern, lassen gleichsam erste und zweite
Haut miteinander verwachsen.
Man könnte im vorliegenden Sachverhalt auch ein radikalisiertes
Spiel mit den Kategorien von Verhüllen und Entblößen
erkennen, die ja zum traditionellen Drama zwischen erster und
zweiter Haut gehören. Bei Bowery werden sie jedoch zu einem
Schlussbild gebracht, in dem Verhüllung und Entblößung
in eine verwirrende Dichte überführt werden: Identifizieren
wir die sichtbare Wunde als gültiges Zeichen der Nacktheit
und Ersthäutigkeit, überstrahlt der künstlichen
Mund jeden Eindruck von Natürlichkeit.
Die Herstellung von Fusion, die in Konfusion ausläuft, führt
Bowery auf noch drastischere Weise mit seiner – wie er es
nannte – Pussy Wig vor. [Folie 4]
Was oberflächlich als Travestie und Obszönisierung des
weiblichen Geschlechts angesehen werden kann, ist unter paralogischem
Gesichtspunkt eben auch das Doppel aus Naturierung der Kleidung
und Artifizierung der Haut. Wir sind nicht Zuschauer eines cross-dressing
mit den klassischen Sekundärattributen des Weiblichen, wir
sind konfrontiert mit der Pseudo-Illusion des Primärweiblichen.
Wenn man zudem weiß, dass Bowery auf für sich selbst
recht unangenehme Weise sein Geschlechtsteil unter dieser „Perücke“
mit Gaffertape verklebte, dann kann man von einem Angriff der
zweiten auf die erste Haut sprechen. Die Vertauschung von Echt-Haut
mit Falsch-Haut, betrifft dabei nicht zufällig die Genitalien,
kommt hier doch die Dimension der Nacktheit auf direkteste Weise
zum Ausdruck.
Aber auch auf einem anderen Feld der Hautsemantiken bringt Bowery
seine Strategie der Grenzverletzung in Gang und findet weitere
Wege zur Umwertung der Nacktheit. Sie findet auf der Szene des
Gesichts statt. Dazu ist in aller Kürze auf den besonderen
Status des Gesichts in unsere Kultur hinzuweisen. Das Gesicht
ist ja der Ort am Körper, der gemeinhin nackt bleibt, und
dabei als Ausweis der charakterlichen, emotionalen, geschlechtlichen
oder sozialen Identität gilt. Es ist ein öffentlicher
und gleichzeitig intimer Ort – Ort der größten
Bedeutungsdichte. Genau darum, aufgrund der Aufgeladenheit mit
Bedeutung, wird das Gesicht trotz seiner unverschämten Nacktheit
selten als obszön erlebt. Diesen Ort ohne zweite Haut überzieht
Bowery immer wieder mit Kunstzeichen. Nicht mit irgendwelchen,
sondern mit Zeichen, die als Verlängerung der Kleidung erscheinen.
Er legt die zweite Haut auf diese herausgehobene erste [Folie
5] – indem er das Muster eines Anzugs mit kosmetischen Mitteln
über das Gesicht ausbreitet oder ein Kostüm über
den Kopf wachsen lässt, indem er einen hautähnlichen
Stretchstoff als entstellende Derma über das Antlitz streift.
Er verletzt die sprechende Nacktheit des Gesichts und bringt durch
ihre Verkleidung eine Verkehrung in die Obszönität hervor.
Man könnte leichthin von Maskerade sprechen, was es unzweifelhaft
ist. Doch unterscheidet sie sich von der traditionellen Maske
im Sinne der dramatischen persona: diese gehorcht einer Dialektik,
die auf Darstellung einer Wahrheit durch Verkleidung zielt –
und eben darin die Logik des Gesichts fortführt. Bei Bowery
hingegen rückt nicht der mythische Kern der Maske in den
Vordergrund, sondern das Hauthafte des Textilen. Durch die Musterung
des Gesichts kommt Bewegung in die Verteilung zwischen den Sinnfunktionen
der zwei Häute: Das Auswuchern der Kleidung ins Gesicht verwirrt
das Gefüge aus Entblößung und Verkleidung, aus
Haut und Hülle, aus Sinn und Nicht-Sinn. Bowery gelingt das
Paradox, dass die zweite Gesichtshaut sich physischer gibt als
die erste, die stets vom Diktat des Metaphysischen regiert wird.
Diese Bemerkung soll meinen Exkurs in die Zone zwischen erster
und zweiter Haut beenden. Wie man sieht, herrscht hier das Zentripetal-Prinzip,
erste und zweite Haut werden ineinander gedrängt. Im Gegensatz
dazu ist die dritte Haut auf Ausdehnung ausgerichtet, sie bewegt
sich fort vom Körper. Die Wohnung nimmt den Körper großzügiger
auf, stellt ihn auf einen anderen Boden, bläst den Raum auf,
gibt Mitlebewesen Platz. Fragt sich nun, wie es Bowery gelingt,
diese zentrifugale Tendenz der Wohnungshaut in seinen Kostümen
zur Geltung zu bringen.
Auffällig sind zunächst die Einheiten von Fundament
und Dach. Wenn er sich und die Mitglieder seiner Popgruppe Raw
Sewage auf überdimensional hohe Plateauschuhe stellt [Folie
4], dann befestigt er im Prinzip ein architektonisches Fundament
am Körper: einerseits wird dieser damit ausgedehnt, im gleichen
Zuge aber auch zur Immobilie gemacht. Diese Schuhe sind nicht
mehr zum Gehen, sie sind zum Stehen gedacht. Ähnliches gilt
für den vergrößerten Hut [Folie 7], der als Inspiration
für postmoderne Dacharchitektur angeschaut werden kann. Wie
auch er die Bewegungslosigkeit anmahnt, ist er mehr ein Körperdach
denn eine Kopfbedeckung.
Die deutliche Neigung zur Ausdehnung bringt die zweite Haut in
die Nähe der dritten. Das Raumgreifende wird in vielen Stücken
durch Anmutungen des zelt- oder igluhaften zur Ansicht gebracht
[Folie 8]. Bowery geht sogar soweit, sich vollkommen ins Private
einer Haut zu verschließen, sich ins Zelt zurück zu
ziehen.
McLuhan spricht von der Kollektivhaut, vom Gemeinschaftskleid
der Wohnung. In den gezeigten Beispielen ist die Haut immer noch
Individualhaut. Sie ruft aber die Möglichkeit einer Bewohnung
mit weiteren Körpern auf. Ich erinnere an die Eingangspassage
aus Apollinaires Text, in der eine Dame allerlei Vogelvolk auf
ihrem Hut mit sich führte, ein Inbild für Sozialität.
Bowery macht es sich da nicht so leicht – und schnallt sich
einen menschlichen Leib um [Folie 9]. Dieses Foto gibt nur die
halbe Geschichte wieder: In einer Performance war Nicola Bowery,
die hier in der Rolle des Fötus zu sehen ist, tatsächlich
unter einem aufgeblähten Kleid und in einer textilen Gebärmutter
versteckt. Erst nachdem Bowery mehrere Lieder gesungen hatte,
durfte sie sich in einer frivolen Geburtsperformance aus der Behausung
befreien. Das fötale Miteinander öffnet die Übergänge
zwischen Leib und Behausung, Kleiderraum und Wohnraum, zwischen
Intimität und Sozialität.
Fasst man die topologischen Strategien insgesamt in den Blick,
so stellt sich das Bild einer Umkehrung der These McLuhans ein:
die zweite und dritte Haut können nicht mehr nur als Prothesen
der ersten betrachtet werden, vielmehr wird der Körper zur
Prothese der Kleidung. Die Kleidung ist Struktur, der sich der
Körper unterwirft. Die Vermischungen, die Bowery vornimmt,
nehmen den physiologischen und anatomischen Körper nicht
mehr vollkommen ernst, sie bringen ihn in eine Zone des Monströsen,
wo er einer radikalen Verkünstlichung unterworfen wird.
Damit ist das Stichwort für die nächste paralogische
Ebene gegeben:
Die ästhetischen Codes
Das Karussell der Bilder, das bisher an Ihnen vorüber gefahren
ist, könnte die Vermutung nahe legen, dass die Kleiderinszenierungen
von Bowery zur Kultur des cross-dressing und des drag gehören.
Unzweifelhaft integriert Bowery die Signale des Weiblichen in
seine Ensembles. Auch lassen sich Spuren des New Romanticism vom
Beginn der 1980er Jahre ausmachen (offensiver Gebrauch von Kosmetik,
Anleihen bei historischer und außereuropäischer Kleidung),
eine Bewegung, die ihre Bekleidungsstrategien deutlich auf Effeminierung
abgestellt hat. Doch ist damit das Auftreten und die Ver-Kleidung
Bowerys das einer Drag Queen, wie hin und wieder zu lesen ist?
Die Drag Queen zielt in ihrem Spiel der Verkleidung auf die Ausstellung
klischierter Merkmale hypersexueller Weiblichkeit. Der Glamour,
oft parasitär genährt durch die Imitation von weiblichen
Hollywood-Stars, und die Vision von makelloser Schönheit
tauchen sie in ein Kunstlicht, in dem die Travestie das heiße
Medium ist, das eine perfekte Illusion von Weiblichkeit projiziert.
Bowery zieht ebenfalls die Register der Verstellung, gibt sich
– wie gezeigt – bis ins in die Modellierung primärer
und sekundärer Geschlechtszeichen weiblich. Und doch ist
alles an ihm auf Unterbrechung der Illusion ausgerichtet. Er desintegriert
das Bild homogener Weiblichkeitszeichen durch nicht-feminine Aspekte
– zum Beispiel, wenn er einen Soldatenhelm, eine Comicmaske
oder alienartige Ohren sich appliziert [Folie 10]. Der französische
Philosoph Jean Francois Lyotard hat im Zusammenhang mit der Kunst
Duchamps den Begriff des Transformations-dispositivs benutzt,
um damit die regelgeleiteten Strategien von Wandlungen zu fassen.
Übertragen heißt das: Bowery nimmt sich aus der simplen
Travestie heraus, die auf einem einfachen Austausch zwischen zwei
Zeichensystemen basiert. Stattdessen bringt er immer mehrere Transformationsdispositive
zur Anwendung – wie Übertreibung, Deformation, Vertauschung,
Zitation, Inkongruenz – und stört damit die einzelnen
Identitätszeichen. Mit dieser Pluralität steuert er
auf eine deutliche Ästhetik des Hässlichen zu. Als Medium
dient ihm sein großer, schwerer und unweiblicher Körper,
der durch Ausstaffierung und Ausstellung noch zur Geltung gebracht
wird. Er deformiert seinen Leib mit Wülsten und Auswachsungen,
stattet einen Fuß, bekanntlich ein fetischistisches Signal,
mit einer artifiziellen Elephantiasis aus [Folie 11].
All das resultiert in eine Umwertung: Mehrere Beobachter, die
Bowery in Aktion erlebten, haben seine Ausstrahlung einhellig
als asexual beschrieben. Kaum denkbar bei einer Drag Queen. Unter
gewissem Blickwinkel könnte man den Bowerysmus als dekonstruierten
Drag bezeichnen, denn er bringt jenes Männliche zum Vorschein,
das sich im Drag zu verbergen sucht.
Eine ähnlich undeutliche Beziehung aus Übereinstimmung
und Abkehr besteht zu einem anderen Modell ostentativer Selbstinszenierung.
Ich meine den Dandy.
Zum Dandy ist viel geschrieben worden und ich fasse lediglich
einige Stichpunkte zusammen, um deutlich zu machen, welche Aspekte
Bowery mit ihm teilt:
Da ist zunächst die ästhetische Dominanz von Kleidung
zu nennen, die als performative Rahmung für kapriziöse
Körperhaltungen und Gesten dient. Das Kleidertragen als ästhetisch-künstlerischer
Habitus stellt der Dandy in den Dienst einer Inszenierung des
Oberflächlichen und der Oberfläche. Originalität
ist das oberste Gebot für die Selbstpräsentation bei
gleichzeitiger Künstlichkeit und Unauthentizität. Die
Sensibilität für showiness, für Provokation und
Plötzlichkeits-kalküle ruhen auf einer Sensibilität
für Situationsgenauigkeit. Gerade diese auf eine beobachtende
Öffentlichkeit ausgerichtete Verhaltensdisposition ist die
Stärke Bowerys gewesen, der Straße, Nachtclub und Bühne
als Orte für seine Aufmerksamkeitsinszenierungen nutzte.
Dabei kommt ein Paradox zum Tragen, das Bowery vom Dandy geerbt
haben könnte: Beide setzen in ihren Performances aufs Ephemere
und beweisen gerade in der ständigen Transformation eine
Wiedererkennbarkeit.
All diese Kriterien des Dandyismus fügen sich in den Bowerysmus.
Allerdings fehlen entscheidende Aspekte:
Der Dandy setzt in seiner Kleidung auf dezidierte Eleganz, auf
Noblesse. Man könnte sagen, dass in ihr ein Nachhall konservativer
vestimentärer Codes herrscht, wenn auch Details durch extravagante
Überbetonung Irritation auslösen sollten. Zu diesen
Gesten der Anspielung gehört ebenfalls das oft bemerkte subtile
Theater der Androgynität, welches ebenfalls vollständig
abwesend bei Bowery ist. In dem Maße wie er den Drag dekonstruiert,
ertränkt er den Stil des Dandyismus im üppigen Wuchern
heterogener Signifikanten oder kommt allenfalls als clowneske
Parodie zur Anspielung.
Bliebe aufgrund dieser Undeutlichkeiten und Shiftings nun nur
noch die Schlussfolgerung, Bowery ins Gehege einer autonomen Künstlerschaft
zu schließen? Mit einem schnellen kunsthistorischen Zugriff
ließe er sich in eine Reihe mit anderen Verkleidungskünstlern
stellen – von Marcel Duchamps über Jürgen Klauke
[Folie 12], die das Thema des Geschlechts bearbeiten, bis zu Cindy
Sherman und Paul McCarthy, die eher auf dem Feld des Grotesken
sich bewegen [Folie 13]. So wäre es ein Leichtes, die romantische
Vorstellung vom Künstler auf Bowery zu projizieren, ein Künstler,
der hochindividuelle, idiosynkratische Formwelten entwirft und
eine Eigenweltlichkeit hervorbringt, die das Einnormierte in Frage
stellt. Der englische Künstler Damian Hirst hat in einer
einfachen Formulierung bezeugt, dass ein solcher Kategorisierungsversuch
problematisch ist. Er sagt: „It fulfills all the criteria
of art,“ und spielt damit auf den Inhaltsaspekt an. Er fährt
dann aber fort: „but it’s not something you can sell
in an art gallery.“ In diesem Zusatz kommt implizit die
insitutionssoziologische Sicht zum Tragen. Und in der Tat entscheidet
sich nur hier, an den Toren der Institution Kunst mit ihren Wegen
der Kunstverwertung, der professionellen Kunstdeuter, der Kunstmagazine
und Kataloge, der Galerien und Museen, ob eine Sache zur Kunstangelegenheit
geadelt wird. Auch Bowery hatte seinen Auftritt in einer Galerie.
Doch nimmt er zu allererst ganz andere Orte für sich ein
– den Club oder die Diskothek. Hat er sich also gegen die
Kunst und für das Leben entschieden? Oder gehört er
zu den Visionären, die das gescheiterte Avantgarde-Konzept
einer Aufhebung dieser Dichotomie neu aufleben lassen möchte?
Mit Hinweis auf meine letzte paralogische Dimension möchte
ich die These vertreten, dass der Inszenierungsgehalt Bowery in
eine unklare Zone versetzt, wo eine Zuordnung unmöglich wird.
Körperkonzept und soziale Ortung
Körperkonzept und soziale Ortung zu verknüpfen, mag
zunächst gewagt erscheinen, sind wir doch gewöhnt, Körperbilder
in einer liberalen, nicht diskriminierenden Gesellschaft als kontingent
anzusehen.
In meinem Vortragstitel habe ich einen Hinweis gegeben, warum
für Bowery eine andere Verknüpfung gilt. Sein Körperkonzept
ist Bestandteil einer Inszenierungs-kultur, die man als Karneval
bezeichnen kann. Der Vergleich mit dieser ehrwürdigen Tradition
drängt sich auf, da die Zweiseitigkeit aus Ästhetik
und sozialer Formierung mit ihrer deutlichen Stoßrichtung
der Umwertung des Gewöhnlichen unübersehbar ist.
Um dies zu erläutern, nehme ich meinen Ausgangspunkt bei
der Theorie des Grotesken, die Michal Bachtin in seinem Rabelais-Buch
entfaltet. Bei der Lektüre der Passagen über das Groteske
ist man erstaunt, wie zwingend die Formwelt Bowerys sich in die
Abstraktionen Bachtins einfügen. Da heute die Zeit für
eine minutiöse Darstellung der Parallelen nicht gegeben ist,
möchte ich lediglich auf zwei Aspekte verweisen, die jedoch
von grundlegender Bedeutung sind.
Verschieben wir die Aufmerksamkeit von der Kleidung auf die daraus
erwachsene Körperkonzeption, so gelten als signifikante Merkmale
des grotesken Körpers die hervorstehenden Körperteile.
Bachtin spricht von einem Herausstreben, einem werdenden Leib,
der niemals fertig ist. Es ist, als würde ein inneres Leben
nach außen treiben und eine potenzielle Unabgeschlossenheit
sich andeuten. In diese Dialektik von Innen und Außen, Werden
und Sein gehört auch das Theater der Obszönität.
Die Nacktheit und die Hybridisierung der Geschlechter evozieren
ein Bild der Übergänge. Der Leibeskanon hat damit die
Tendenz, einzelne Organe vom Ganzen zu lösen und in eine
selbstständige Existenz zu entlassen. Bowery folgt dieser
Autonomisierung – wie gezeigt – mit einem Clash of
Signs. Zitat wird neben Zitat gestellt, das Unvereinbare als Schockelement
integriert. Die Vermengung überschreitet dabei sogar die
Grenzen des Humanum und öffnet sich für das Tier- oder
Alienhafte [Folie 14].
Das Groteske sucht den Effekt und wendet sich darin ab von einem
psychologischen Expressionismus oder einer Charakterologie. Ja,
sie weicht dem Prinzip der Individualisierung aus. Deutlich wird
dies am zweiten Aspekt des grotesken Körpers, den man als
Auslöschung des Gesichts bezeichnen kann. Bowery in Verkleidung
– das ist vor allem die konsequente Verweigerung des Gesichts
[Folie 15]. Die Maskerade, von der ich bereits gesprochen habe,
verhindert jede Physiognomik und Pathognomik. Dazu passt, dass
Bachtin die Augen, Inbild der Seelenansicht, als unwesentlich
in der Groteske charakterisiert. Sicherlich, es gibt die herausquellenden
Augen, sie gehören aber zum Fremdwerden des uneinheitlichen,
wachsenden Leibes. Wichtiger ist der Mund. Bachtin: „Das
groteske Gesicht läuft im Grunde auf einen aufgerissenen
Mund hinaus. Alles andere ist bloß die Umrahmung dieses
Mundes, dieses klaffenden und verschlingenden leiblichen Abgrunds.“
Bowerys aufgemalte und angeheftete Prothesenmünder sehe ich
als Transposition der karnevalesken Groteske in die Jetztzeit.
Die Entseelung und Entpersönlichung, die Metamorphosen zum
Tier, zur Pflanze, zur Comicfigur, zum Monster, zum Fetischobjekt,
zur Puppe, zum Clown – all das wird zur Ansicht gebracht
in der Nachtzone, in der mythischen Zeit der Verwandlung.
Wenn der Karneval die umgestülpte Welt repräsentiert
und einen Ort hervorbringt, an dem die Bühne gleichzeitig
der Lebensraum ist, Akteur und Zuschauer eins werden, an dem die
Entgrenzung des Körpers durch die Groteske in der Handlung
fortgesetzt wird, dann ist der Nachtclub genau dieser Ort. Man
weiß, dass Bowery außerhalb dieser Zone eher unscheinbar
war. Der Nachtclub wird zum sozialen Treffpunkt, an dem die Teilnehmer
sich in der Verfremdung begegnen.
[Folie 16]
Dazu kommen Unmengen von Drogen, Alkohol, Musik sowie ein Tanzen,
das in seiner Exzessivität das Terrain der Gewalttätigkeit
streift. Teilnehmer an diesen wochenendlichen Karnevals berichten,
dass Verwundungen die gewöhnlichen Trophäen dieser Exkursionen
in die Gegenwelt waren. Das rauschhafte Exerzitium muss man als
Versuch eines Ich-Abschieds werten, der sowohl die imaginäre
wie die physische Ichhaftigkeit einbegriff.
Der zweigeteilte Leib entspricht einer zweigeteilten Welt: Tag
und Nacht, Norm und Überschreitung, Individualität und
Groteske, Realität und Spiel, Gewöhnlichkeit und Exzentrik,
Einheitlichkeit und Vieldeutigkeit.
Man könnte den Karneval als sozialen Nicht-Ort bezeichnen,
obwohl er eine klare geografische und zeitliche Stelle einnimmt.
Das Nicht gewinnt seinen Wert aus dem Umstand, dass Zuschreibungen
aufgehoben zu sein scheinen, auf denen soziale Verteilungen und
Identifikationen basieren. Ist im Mittelalter der Karneval eine
definierte Auszeit mit kompensatorischen Funktionen, stellt sich
der postmoderne Karneval komplizierter dar. Nehmen wir das Wort
von der paralogischen Struktur ernst, die Bowery inkorporiert,
dann stellt sich bei ihm die schwierige Frage, ob er sein Leben
als Designer am Tag in den Dienst als Designter in der Nacht stellt,
oder ob umgekehrt das karnevaleske Clubleben die Ableitung einer
anführenden Konzeption aus der Tagzeit ist. Die Unbeantwortbarkeit
liegt in der program-matischen Position des Dazwischen und Daneben.
Die Inbetweeness durch perpetuierten Hüllentausch und Weltwechsel
macht schließlich auch den Begriff des Karnevals prekär:
Die Provokation mag sich noch an eine Welt der Konvention richten.
Aus Sicht der personalen Binnenstruktur, die sich längst
nicht mehr von irgend etwas befreien muss, kippt der Inszenierungsgehalt
in einen perfomativen Ästhetizismus. Ihm eine Funktion zuzuweisen,
fällt äußerst schwer. Selbst die modische Rede
von der Selbsterschaffung viskoser Identitäten prallt an
der offensichtlichen Künstlichkeit ab. Ist Bowery also die
authentische Feier des Unauthentischen?
Ich möchte nicht mit dieser paradoxen Formulierung enden,
sondern einen Gedanken der englischen Exzentrikerin Edith Sitwell
aufnehmen, um daraus eine Schlussthese abzuleiten: Sitwell erkennt
im exzentrischen Lebensentwurf ein Mittel gegen die Melancholie.
Mit diesem Hinweis regt sie (wahrscheinlich ungewollt) die Assoziation
zum manisch-depressiven Syndrom an. Gleichzeitig verschiebt sich
in dieser Perspektive die Markierungslinie: Nicht mehr stehen
sich das auf Originalität ausgerichtete Individuum und eine
auf Normiertheit basierenden Gesellschaft gegenüber. Jetzt
ist es das eigene Innere – Zentrum der Ich-Eigentlichkeit
–, welches durch eine exzentrische Außenorientierung
verlassen wird. Das Innere wird deshalb verleugnet, weil die unendliche
Introspektion vergeblich auf die Ankunft einer inneren Wahrheit
oder eines inneren Bildes der Versicherung wartet. Die Melancholie
– das ist letztlich Langeweile aus Entscheidungsunlust.
In der manisch-künstlerischen Reaktion wird die Leere durch
die libidinöse Besetzung von Signifikanten belebt und manchmal
in Kombination damit ein erotomanisches Aufgebot an Sexualobjekten
bestellt – eine Praxis, für die Bowery bekannt war
und mit der er auch zu prahlen wusste. Versteht man die Melancholie
nicht als psychopathologisches Schicksal, sondern als kulturell
induzierte Verhaltens-disposition, dann liegt mit dem manisch-melancholischen
Dispositiv ein Regel-mechanismus vor, der an die Stelle einer
nicht mehr lösbaren Sinnfrage das Spiel mit der Camouflage
und der Sinnlichkeit setzt. Die Melancholie ist kulturell gegründet,
weil die Moderne das Subjekt mit Möglichkeitssinn (wie es
Musil genannt hat) impft. Das Subjekt sieht sich befreit von Realitätsimperativen,
ist aber gleichzeitig konfrontiert mit einem Zuviel an Wahrscheinlichkeiten
und Relativie-rungen. Wo es einen Überschuss an Möglichkeiten
gibt, ergibt sich gleichzeitig das Risiko eines Abgrunds, der
von sinnleitenden Symbolisierungen nicht mehr überbrückt
werden kann. Der Möglichkeitsmensch, so Musil, lebt in einem
„Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven“.
Das manische Subjekt verweigert schlichtweg die ziellose Reflexion
dieser Situation. Als Reaktion hebt es – in hegelscher Mechanik
– den Möglichkeitsvorrat ins ästhetische Verhalten
auf. Bowery hat den Körper als Objekt für seine ästhetischen
Träumereien erwählt und ihn durch Exerzitien der Umbildung
und Entstellung in eine Sur-Realität transponiert.
Ob in einer derartigen Entortung und Eigenschaftslosigkeit die
Einsamkeit oder die ultimative Freiheit sich einstellt, das vermag
wohl nur das Subjekt zu beantworten, das sich auf diese Reise
einlässt.
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