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Georges
Bataille: Die Tränen des Eros, 1961 |
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Das
Rohe und das Raffinierte
El
Salvador 1984: Zwei Krieger halten einen leblosen Leib und schleifen
ihn irgendwohin. Der Kopf hängt kraftlos zwischen den Schultern.
Was wir sehen, ist ein herausgeschälter weißer Knochen.
Die Folterer haben dem Mann die Gesichtshaut abgerissen. Tote
Augen starren aus dem Schädelknochen. Ein entsetzlicher surrealistischer
Scherz ist an dem Opfer exekutiert worden. Wäre die Kälte
und Wahrhaftigkeit der Szene mit ihrer schamlosen Anatomie nicht
so eindringlich, man könnte an ein karnevaleskes memento
mori denken oder an die äugenden Skelette auf den Gemälden
James Ensors. Es ist, als hallte noch das höhnische Lachen
der Vergewaltiger nach, die den Widersinn eines lebendigen Totenschädels
fabriziert haben. Wie lange hat dieser Leib das Leben noch erdulden
müssen, dazu gezwungen, die letzten Bewegungen und kehligen
Laute als unheimliches Schauspiel aufzuführen? James Nachtwey
zeigt ein Wesen, dem nicht nur Qualen zugefügt, dem auch
die Würde des Antlitzes entrissen wurde.
Dies ist eine Szene, die keine Ausflüchte in den verallgemeinernden,
anästhesierenden Kommentar zuläßt - sei es über
die Destruktivität des Menschen oder den enthumanisierenden
Charakter des Krieges. Man möchte vielmehr fragen: Wie konnte
das geschehen ...?
Das
Foto ist unheimlich, weil das Grauen darin durch kein erklärtes
Leben, durch kein Wissen besänftigt wird. Das Foto fixiert
einen Zustand und konfrontiert uns mit einem Riß in einer
Begebenheit; es macht fassungslos, weil es nach einer Geschichte
verlangt, die nicht erzählt wird. Georges Bataille hat berichten
können, daß Fotografien aus China, die die Zerstückelung
eines Menschen bei lebendigem Leibe zeigten, ihn so erschüttert
haben, daß er eine Ekstase erlebte. Die Stasis des Bildes,
das Tableau der Dehumanisierung verwundet das Bewußtsein
derart, daß es zu vergehen droht. Der Eindruck der "irrsinnigen,
grauenhaften Gewalt" wird durch die obszöne Tatsächlichkeit,
die symbolische Leere erhöht; die "bodenlose Bestürzung",
die Bataille erlebte, ist der Moment der traumatischen Wortlosigkeit.
Gewiß würde die Erzählung keine moralische Beruhigung
bringen, vielleicht jedoch die Wirklichkeit zurückerstatten,
die das Bild verschweigt.
Das
Wesen der Fotografie - Feststellung eines Sachverhalts - ist auch
ihr Mangel, den das schockierende Bild für sich nutzbar macht.
Es nimmt seine Wirkung aus dem Ineinander von Provokation und
Schweigen, es klärt nicht auf, es herrscht durch Entzug.
Dagegen lassen raffinierte Bilder die Doppelbödigkeit des
Symbolischen ahnen, laden zu Deutungen, Übersetzungen oder
Adjektivierungen ein. Der Zeichentheoretiker Roland Barthes hat
einmal zu beschreiben versucht, worin der Schockcharakter von
Fotografien begründet ist, welche Greueltaten und Verbrechen
zeigen. Er stellt fest, daß solche Bilder, die allzu deutlich
von einer Rhetorik der Überzeugung oder Absichtlichkeit gekennzeichnet
sind, uns nicht zu erschrecken oder das Grauen zu übermitteln
vermögen. Was sich einstellt, ist lediglich die Konvention
des Angerührtseins oder der Erschütterung. Soll das
Schreckliche uns verfolgen, sich als Trauma, Wunde einbrennen,
muß es sich roh als Faktum zu präsentieren, nicht als
raffinierte Inszenierung.
Rohe
Bilder sind stumm, verweigern die symbolische Verwertung. Sie
binden mich, weil sie an eine Frage heranführen: Was kann
ich sagen?
Jede
Fotografie kündigt die Chronologie auf, die Geschichte, die
Psychologie - so kommt sie zu ihrem Motiv oder zu ihrer Komposition.
In der Schockfotografie ist diese Aufkündigung das Skandalon:
die grausige Tatsache ohne Realität.
Sind aber nicht Zweifel darüber anzumelden, ob selbst die
Roheit heute noch die Wahrnehmungsschwelle zu überschreiten
vermag. Wie oft sind die Apotheosen des Grauens aufgeführt
worden, alle erdenklichen Vergehen und Beleidigungen gegen das
Kreatürliche dokumentiert und gezeigt worden. Das Übermaß
ist eine Qualität, die auf dem Register der Wiederholung
und der Wiedererkennbarkeit spielt. Das Unerhörte ist allgegenwärtig.
©
Gunnar Schmidt |
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