|
|
Der
Blick in den Bombenkrater
Der
Reichtum des Krieges: Bilder
Vor nichts möchte man so sehr die Augen verschließen
wie vor den Szenen des Krieges. Moralische Kälte, perverse
Abgründigkeit und Macht sind keine freundlichen Sujets. Dennoch
sind die Blickmedien, die noch das Dunkelste zu erhellen vermögen,
und Krieg längst zu einer selbstverständliche Einheit
geworden.2
Medien werden im Krieg eingesetzt für Aufklärung, für
Propaganda, für Täuschung. Und Medien begleiten den
Krieg. Ehrwürdig in dem schmutzigen Geschäft ist der
Kriegsfotograf, der dokumentiert, das ethische Gesetz vertritt,
das Elend in Kunst verwandelt, selber zum Helden wird, der an
der Front Bilder schießt, um die Ungeheuer zu bannen, oder
der tragisch zum Opfer wird. Die Ikonografie des Krieges
erscheint in üppiger Ausstattung und weist einen Reichtum
an Subgenres auf: Landschaften der Zerstörung, der Krieger
als Held oder als Verbrecher, der Tote, die unschuldig Leidenden,
das Schlachtfeld, die Arbeiter des Krieges, der Soldat als Privatmensch,
die Enthusiasmierten oder das panoramatische Aufklärungsbild.
Bis auf jene technokratischen Bilder, die dem pragmatischen Nutzen
der Kriegführung dienen, changieren die Szenen zwischen Spektakel
und Pathos, zwischen Schrecken und Schock. Die Kriegsfotografie
beweist in ihren authentischsten Momenten das Ethos der Fotografie:
dass das Ereignis gezeigt werden kann, dass es Zeugenschaft gibt
– auch wenn im politischen Interessen-kampf die Bilder
in allerlei Wahrheitsproduktionen funktionalisiert werden.
Ereignis
– Bild – Unbewusstes
Der Krieg verändert sich. Geschichte produziert neue Formen
von Ereignishaftigkeit. Die Bilder reagieren darauf. Zum Beispiel
auf den Umstand, dass aufgrund des privaten Gebrauchs von Sprengstoff
kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo auf dem Globus Bomben
explodieren. Ganz im Gegensatz zu organisierten staatsmilitärischen
Aktionen, die oft von einem Riegel der Unsichtbarmachung umgeben
sind, werden tagtäglich vor allem die Anschläge von
(sogenannten) Terroristen mediennotorisch. Der einsame Kämpfer
mit Autobombe, Mine oder als selbstmörderischer Sprengstoffträger
vermeidet das traditionellen Schlachtfeld und begibt sich direkt
ins Leben, in die Zivilisation, wo er Verwüstung anrichtet.
Vor einem Café, vor einer Polizeistation, auf einer befahrenen
Straße, in einem Bus. Neben dem Fernsehen ist es in erster
Linie die journalistische Agenturfotografie, die als Zeuge der
Anschlagwirkungen auftritt und ihre Bilder in Print- und digitalen
Kanälen verbreitet. Es ist oft bemerkt worden, dass die terroristische
Form der Effektproduktion nur deshalb greift, weil die institutionalisierten
Medien permanent Katastrophen- und Gewaltbilder nachfragen, produzieren
und verbreiten – und es daher eine untergründige Koalition
aus Terror- und Medieninteresse gibt. Der Terrorist beliefert
die Medienmaschine, die Maschine zahlt mit Aufmerksamkeit.
Das ist die Logik des Austauschs unkonvertierbarer Münzen.
Diese Logik sagt nichts über die ästhetische Gestalt
der in Umlauf gebrachten Bilder. Vielleicht spielt die konkrete
Bildaussage im alltäglichen, neu erschaffenen Kosmos der
Informationen auch kaum noch eine entscheidende Rolle: Beim Rezipienten
wird man eine Haltung finden, die keine Zeit hat für eine
Kontemplation der Ästhetik und für das Lesen der singulären
Aussage. Weder schaut er in Zeitlupe noch mit dem Mikroskop. Auf
Seiten der Produzenten genügt die Geste des Zeigens, um im
Strom von Ereignis und Vergänglichkeit das Aufscheinen eines
vagen Eindrucks zu bewerkstelligen. Das Bild als Teaser für
eine Meldung, einen Artikel, einen Bericht. Diese Situation mündet
in ein Paradoxon: Die Ubiquität der Anschlagbilder generiert
einerseits ein Image von Terrorismus und Gewalt. Andererseits
verhindert der Strom aus halbbewusst wahrgenommenen Bildern die
Erkenntnis, dass das ikonografische Universum nach bestimmten
Gestaltungsprinzipien konstruiert wird. Das einzelne Bild eines
Ereignisses muss nicht das Besondere hervorbringen, es muss vielmehr
ein Reiz-Reaktionsschema bedienen. Durch Ähnlichkeit provozieren
die Bilder nicht zur Einlassung, sie rufen Aufmerksamkeit und
Vergessen in einem an.
Lassen
wir also die Behauptung zu, dass es ein Visuell-Unbewusstes in
den Bildern gibt – ein Unbewusstes, das sich offen zeigt
und das dennoch zu ent-decken ist. Mit dem Begriff >Visuell-Unbewusstes
wird eine Unterscheidung markiert: Bekanntlich stammt der ähnlich
klingende Teminus des Optisch-Unbewussten von Walter Benjamin,
der damit eine Wahrnehmungsundeutlichkeit bezeichnete, die sich
beim Betrachten von Fotografien auflöst. Mit einem Mal werden
all die winzigen Partikel erkannt, die während des Vollzugs
lebendiger Weltbetrachtung im informatorischen Rauschen unbeachtet
bleiben.3
Die Fotografie bringt diese übersehenen Tatsachen zur Ansicht.
Wenn nun vom Visuell-Unbewussten im Kontext massenmedialer Zerstreuung
die Rede ist, dann ist damit das in die Bilderreihen eingegrabene,
unerkannte Gestaltungsprinzip gemeint. Genau diese Prinzipien
sind es, die auf einschmeichelnde Weise unsere Vorstellung eines
Gewaltereignisses prägen.
Ein
neues Genre: die Leere im Bild
Der Archäologe der Aktualität beginnt in der Medienhalde
zu graben – in Zeitungen, im Internet, in Bildarchiven.
Er lässt die letzten Jahre passieren und findet die Tatorte:
Israel, Irak, Afghanistan, Indonesien, Sri Lanka, Saudi Arabien,
Algerien, Frankreich, Irland etc. Er versammelt die Bildartefakte,
um Reihen oder Konstellationen, rhetorische Modelle und Sinnkomplexe
zu erkennen. Bei der Durchsicht von Bildern mit zerfetzen Autos,
eingerissenen Häuserfronten, Geröll und verstreuten
Splittern entdeckt er dann ein sonderbares Motiv, das sich beständig
wiederholt: der Bombenkrater.
Im
Wust alltäglich publizierter Zerstörungsbilder liegt
die Serie verschüttet. Wer den zentralen Beschreibungsbegriff
für das Genre gefunden hat, kann diese Serie schnell ans
Tageslicht befördern: mit der Bildsuchfunktion einer Internet
Search Engine oder im Online-Archiv einer Bildbank für Pressefotografien.
Mit einem Klick zeigt sich das Muster befreit von der Singularität
der konkreten Ereignisse. Die elektronische Suche bestätigt
die Vermutung, dass sich in den letzten Jahren ein neues Genre
gebildet hat. Die empirische Dichte der Kraterfotografien aus
dem Krieg nimmt mit den neuesten Konflikten dramatisch zu. Als
Beispiel wähle ich die Bildbank Gettyimages aus. Bei Eingabe
des Suchbegriffs bomb crater wird eine Gesamtbildzahl
von 208 mit folgender Verteilung ermittelt:
1916-1947: 33 Bilder
1967-1975: 2 Bilder
1989-1997: 5 Bilder
2001-2005: 168 Bilder
Der erste Eindruck, den die Serie vermittelt, ist Tristesse und
Trivialität. Gerade in der Serialisierung offenbart sich
die Kraterfotografie als Antithese zur pathetischen Wahrhaftigkeitsfotografie.
Weder sehen wir die Opfer noch die Täter; weder ausgestelltes
Leid noch überhöhtes Heroentum. Der Fokus auf das Loch
blendet weitgehend das Umfeld mit seinem besonderen Leben und
seinen kulturellen Eigenheiten aus. Das Foto kann nichts sagen
über die Gründe und Hintergründe des Ereignisses;
ja, nicht einmal als beeindruckendes Ruinenbild stellt es sich
dar, das als Anklage den Bildsinn adeln würde. Baustellenästhetik.
Sachliche Notate von Löchern in der Erde – mal mehrere
Meter tief oder nur ein Riss in planierter Straße –
das ist alles. Leere Bilder.
Mit
den Kratern, die die terroristischen Einzelkämpfer in die
Erde gesprengt haben, kommen auch jene in den Bildfokus, die die
Bombenwerfer aus den Flugzeugen und Fahrzeugen staatsmilitärischer
Machthaber verursacht haben. Eine Konkurrenz der Zerstörungswut,
ein phallisches Prahlen mit Wirkungen? Jenseits psychologischer
Spekulation über die morbiden Motive der Angreifer scheint
es einen Sog des Motivs zu geben, dem die Agenturfotografen folgen.
Für sie geht es offenbar darum, den Ort des Krieges zu finden
und aufsuchen. Der Krater, jenes Aushöhlen der Erde und Abräumen
von Leben und Kultur – soll er zum Symbol der Destruktivität,
zum stillen Mahnmal werden? Man muss zweifeln. Die Bildlegenden
wiederholen redundant, was so offensichtlich ist, und reichern
das Bild mit kalt-sachlichen Informationen über Ort und Zeit
der Explosion, Opferzahlen, Art des Sprengstoffs, Kratermaße
an. Die journalistische Sachlichkeit der informatorischen Rahmung
entwertet das Bild geradezu in seiner Funktion. Diese schrumpft
zu nichts anderem als der impliziten Aussage: Es gab das Ereignis.
Das Foto als Beglaubigung. Es vermag – auf den ersten Blick
– nichts zu zeigen, was nicht auch gesagt werden kann.
Aber noch ein
Mangel fällt ins Gewicht: Wie bereits erwähnt, tritt
die Fotografie seit ihrer Erfindung mit einer einzigartigen Tugend
auf – Beobachter des Zeitpunkts zu sein. Sie ist, wie Roland
Barthes schreibt, eine Uhr zum Sehen.4
Mit den Anschlagbildern offenbart sich nun jedoch ein systematisches
Fehlgehen, ein Versäumen des Ereignisses. Die Fotografie
ist Zeugin nur noch einer Wirkung. Das Ereignis – die verwüstende
Aktion – entgeht ihr. Sie kommt wie der Hase immer zu spät.
Das Zeigen der Effekte mag eindrucksvoll aufgrund der Kraterausmaße
sein, oder komisch-marginal, weil die Bombe kaum mehr als einen
Kratzer der Erdoberfläche zugefügt hat. Doch gibt es
über diese kaum newswürdig zu nennenden Inhalte keine
Dimension im Bild, die sein Aufscheinen im Kontext einer Zeitung
notwendig machen würde.
Kleine
Ablenkung: Die Bildwürdigkeit der Krater
Die Behauptung, dass mit den neuen Formen protokriegerischer
Auseinandersetzungen das Genre der Kraterfotografie entstanden
ist, hat ihre Berechtigung mit Blick auf ihren Entstehungskontext
der Agenturfotografie. Ihre unkontrollierte massive Entstehung
seit den endneunziger Jahren verleiht dieser Fotografie die
Dignität der Gattung. Daneben jedoch hat es bereits vereinzelte
Annäherungen gegeben. Diese Marginalien sind bedeutsam
nicht als Inspirationsquelle für die Agenturfotografen,
sondern gerade als Differenz-erscheinungen, die den spezifischen
Charakter der Agenturbilder verdeutlicht.
Walid Ra’ad: Zeitgleich mit den journalistischen Fotos
ist die Arbeit My Neck is Thinner Than a Hair des libanesischen
Künstlers Walid Ra’ad entstanden. Ra’ad hat
Fotografien von 245 explodierten Autobomben gesammelt. Seine
künstlerische Strategie zielt auf eine Pseudoarchivierung:
Die Bildersammlung wird durch fiktionalisierte Daten und Behauptungen
sowie durch frei erdachten Personen und Autorenschaften literarisiert.
Ra’ad produziert auf diese Weise eine imaginäre
Geschichtsschreibung über den Bürgerkrieg im Libanon.
Die Fotografien fungieren hier als Authentizitätstäuschungen.
Die Bildserien mit Autowracks und hinauskatapultierten Motorblöcken
zeigen keine Krater, sind in ihrer Anlage jedoch mit den Kraterbildern
zu vergleichen.
Entscheidend an Ra’ads Strategie ist die systematische
Austreibung der Leere durch konsequente Literarisierung mit
Mitteln erfundener Geschichtsschreibung. Die gefälschte
Wahrheit erweist sich als doppelt anschließbar für
Sinn: Wer der Authentizitätsfiktion folgt, bettet das Bild
in eine Erzählung ein; wer die Fiktion durchschaut und
sich auf die Serialität einlässt, wird diese als dem
Repertoire der Konzeptkunst entnommen erfassen und kunstimmanente
Bezüge konstruieren.
Richard Misrach: Eine vollständig andere Ästhetik
wie auch ein anderes Vorgehen und Anliegen verfolgt der amerikanische
Landschaftsfotograf Richard Misrach mit seinem Projekt Bravo
20 – Bombing of the American West.5
In den 80iger Jahren hat Misrach eine fotografische Expedition
in einen Teil der Wüste Nevadas unternommen, den das amerikanische
Militär als Testgelände für hoch explosive Bomben
nutzte. Der Zustand des Terrains – Bravo 20 genannt –
wurde von Misrach farbfotografisch dokumentiert, und man erkennt
in den Bildern den versierten Landschaftsfotografen. Einen Teil
des Bildkorpus bilden Kraterfotografien, die jedoch aufgrund
der menschenleeren Wüstenlandschaft fast schon einen idyllischen
und zum Teil erhabenen Eindruck vermitteln. In der Tat ist die
Bildintention ambivalent: Misrach möchte die Verletzung
der Natur durch das Militär anklagen und gleichzeitig die
Schönheit der Landschaft zeigen. Die Bilder setzt er als
Werbematerial für die Initiierung eines Nationalparks ein,
der als Gedenkstätte und Mahnung gegen militärischen
Missbrauch von Land dienen soll. Die Bilder verkoppeln traditionelle
Landschaftsschönheit mit einem politischen Anliegen und
suchen ästhetischen Genuss mit Bewusstsein über Militärmacht
zu harmonisieren.
Gaëtan Gatian de Clérambault: So sinnbeladen
die Arbeiten von Ra’ad und Misrach sind, so rätselhaft
sinnleer ist das mythische Kraterprojekt des französischen
Psychiaters Clérambault (1872-1934). Clérambault war
ein ethnografisch orientierter Hobbyfotograf, der bekannt für
seine Aufnahmen mit marokkanischer Bekleidungskunst geworden
ist.6
Nach Walter Seitter soll Clérambault im Ersten Weltkrieg
an der Heimatfront es darauf abgesehen habe, die von feindlichen
Bomben verursachten Krater möglichst frisch zu fotografieren.
7
Ob er tatsächlich die Löcher oder den Moment davor
fotografierte, ist nicht mit Sicherheit festzustellen, denn
weder sind Bilder noch ein präziser Bericht überliefert
worden. Seitter bezieht sich in seiner Notiz auf Elisabeth Renard,
die Biografin Clérambaults. Renard benutzt zur Beschreibung
des fotografischen Objekts ein verballhorntes Deutsch und spricht
von "les minnenwerfen".8
Meint Sie die Minenwerfer, das Minenwerfen oder die Verwerfungen,
die die Minen verursachen?
Als
Legende taugt die biografische Anekdote in jedem Fall und fügt
sich mit ihren Auslassungen in die These von der Leere der Bombenkraterfotografie.
Die
Leere im Bild 2: Medienkritik
Die Bombenkraterfotografie – ein armes Genre. Suchen wir
nicht nach einem Inhalt, der nicht zu finden ist. Und doch ziehen
die Bilder den Blick an, gerade weil sie ihn in die Leere lenken,
in die Abwesenheit. Sie formiert sich als Metainhalt, als zweiter
Bildgegenstand, der einen kritischen Wert darstellt und in einer
quasi-mythischen Gestalt auftritt. Die Struktur der Bilder ist
so einfach wie in der Wiederholung rituell konnotiert: am Horizont
die Welt der Menschen, dann der Rand, der zwischen Leben und Zerstörung
die Grenze zieht, und schließlich das Loch. Das Setting wäre
nicht aufgeladen, hätten es die Fotografen nicht darauf abgesehen,
auf fast allen Bildern Schaulustige (oder sollen wie sie Schautraurige
nennen?) mit abzubilden. Zumeist siedeln diese auf dem Rand, den
Blick in das Loch versenkt. Nur selten sieht man einen Menschen,
der sich in die Mitte der Leere wagt. Als erfordere es besondere
Wagemut, ins Zentrum verrauchter Kraft zu treten. Die Fotos inszenieren
damit nicht eine simple materielle Gegebenheit, es ist, als wäre
dem Stück aufgerissener Erde eine Magie eigen, eine Kraft,
die wie der Nachhall der Explosion im Unsichtbaren sich fortsetzt
und die die Menschen auf Distanz zu halten vermag. Ein heiliger
oder unheiliger Ort? Das Starren in die Leere hat etwas Fassungsloses.
Man gewinnt den Eindruck, dass am Ort des Nichts ein Warten waltet,
ein Warten auf die Erscheinung oder auf die Erkenntnis. Die Betrachter
in ihrer fotografischen Starre erscheinen wie Andächtige.
Darin werden sie zu Blick-Stellvertretern, zu Doppelgängern
des Fotografen und schließlich des Bildbe-trachters, der
darüber sinniert, was hier geschah. Welches Bild also wird
an Ort und Stelle der Explosion gesucht? Das Bild des Vergangenen,
der heilen Landschaft? Das Bild der Täter, die sich oft in
der Explosion selbst ausgelöscht haben? Das Motiv für
den Angriff? Das Bild der Explosion selbst und ihrer Kraftentfaltung?
Das Bild dessen, der getroffen werden sollte?
Das
Loch ist das leere Grab. Nicht einmal verschluckt, sondern ausgelöscht
und vertrieben sind die Opfer. Thomas Mann, am Ende des Romans
Der Zauberberg den 1. Weltkrieg als Schlussszene setzend,
beschreibt die Auslöschung im Aufreißen des Bombenkraters:
„Das
Produkt einer verwilderten Wissenschaft, geladen mit dem Schlimmsten,
fährt dreißig Schritte schräg vor ihm [Hans Castorp]
wie ein Teufel selbst in den Grund, zerplatzt dort unten mit gräßlicher
Übergewalt und reißt einen haushohen Springbrunnen von
Erdreich, Feuer, Eisen, Blei und zerstückeltem Menschentum
in die Lüfte empor. Denn dort lagen zwei, – es waren
Freunde, sie hatten sich zusammengelegt in der Not: nun sind sie
vermengt und verschwunden.“9
Allenfalls
die professionellen Spurensucher finden noch Hinweise in den mikroskopischen
Fundstücken. Für den Betrachter wird das Loch zur Projektionsfläche
oder zur Erprobung der Vorstellungskraft. Wo diese versagt, übt
es dennoch einen Sog für den Blick aus, der sich in einen
unheimlichen Ort versenkt. Unheimlich ist er deshalb, weil er
sich – nach einen Wort Freuds – als einer erweist,
an dem man sich nicht auskennt.10
Im Rücken das Bekannte, vor sich die Verwüstung, ein
aufgerissener Schlund, der bereits seine Opfer verschlungen hat.
Das Unheimliche provoziert den Wunsch nach dem versteckten Heimlichen,
nach dem, was vertraut ist und Sicherheit vermittelt.
Die
Reihe Andächtiger – Fotograf – Bildbetrachter
verstärkt den Blick, der nach dem verlorenen Bild sucht.
Ein neugieriger Blick, ein trauernder Blick? Das Spektakel ist
jedenfalls vorbei.
Es
ist erstaunlich, dass hinter der Masse singulärer Ereignisse,
dieses Bild-Modell des gesenkten Blicks in das Loch eine allgemeine
Persistenz hat und eine globalisierte Bildform geworden ist.
Riskieren
wir eine These und fassen das Genre allegorisch auf: Die umfassende
Abwesenheit im Foto reflektiert auf eine allgemeine Krise des
Bildes – insbesondere des Informationsbildes in Zeiten
des Krieges. Längst wird ihm nicht mehr naiver Glaube entgegengebracht.
Jedes Bild steht im Verdacht, nur scheinbar etwas zu zeigen und
in Wirklichkeit etwas anderes zu verbergen, zu verleugnen, zu
vernichten. Jedem Bild kann man mit (un)heiligem Schauer entgegentreten,
um in ihm der Leere zu begegnen. Das Bild täuscht Fülle
vor, ist letztlich ein Loch.
Georges
Didi-Huberman hat zwei Modelle des Ausweichens vor der Leere beschrieben,
die wir hier veranschlagen und als Formen des Umgangs im medialen
Milieu wiedererkennen können. Der „Mensch der Tautologie“
weist jede Latenz eines Gegenstandes zurück. Er ruft selbstsicher:
„Ich sehe, was ich sehe. Das genügt mir.“ Er
ist zufrieden mit dem bloßen Faktum ohne Geheimnis, ohne
Subtext. Das Gegenstück ist die Haltung des Träumens,
des Glaubens und der Fiktion. Der horror vacui wird
umgangen, in dem das Abwesende woanders gefunden wird, das die
Imagination ausfüllt.11
Diese
Fluchten, die das Ich-weiß-nicht und Ich-sehe-nicht umgehen,
werden von den Kraterbildern behindert. Ihnen ist eine ungewöhnliche
Andächtigkeit eigen, die der geschwätzigen Informationswand
einen Riss zufügen.
Bombenkraterfotografie: ein historisches Genre?
Werden die Bilder mit den unheimlichen Kreisen bleiben? Sie erscheinen
trotz ihrer kurzzeitigen Prominenz als wenig medienkonform. Inzwischen
vermittelt sich der Eindruck, dass sich die Situation zu wandeln
beginnt. Längst erscheinen die Kraterbilder nicht mehr in
hoher Frequenz. Zu wenig Lärm geht von ihnen aus. Ihre Langeweile
eignet sich nicht für das Spektakel, ihr sachleerer Inhalt
nicht für die politische Rhetorik. Vielleicht wohnen wir
bereits dem unsichtbaren Prozess der Historisierung des Genres
bei. Ob es in die Archive der Kriegsikonografie Eingang finden
wird – das wird sich erst erweisen müssen.
Diesem Umstand ist es geschuldet, dass inzwischen eine anregende
und die Facetten des Phänomens beleuchtende Publizistik entstanden.
Zu den neueren Arbeiten gehören: Gerhard Paul, Bilder des
Krieges, Krieg der Bilder. Die Visualisierung des modernen Krieges,
Paderborn 2004. Susan Sontag, Regarding the Pain of Others, New
York 2003. Anton Holzer (Hg.), Mit der Kamera bewaffnet. Krieg
und Fotografie, Marburg 2003. Fotogeschichte, Heft 85/86, Jg.
22 (September/Dezember 2002). "Der perfekte Krieg", Fernsehfeature
von ZDF
und New York Times Television, 2004.
Walter Benjamin, „Kleine Geschichte der Photographie“,
in: ders., Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
, Frankfurt/M. 1972, 72.
Roland Barthes, Die helle Kammer , Frankfurt/M. 1989, 24.
Richard Misrach and Myriam Weisang Misrach , Bravo 20. The Bombing
of the American West , Baltimore 1990.
Gunnar Schmidt, "Clérambault: Psychiater und Ethnofotograf",
Fotogeschichte , 38 (1990), 39-51.
Walter Seitter, "Sieben Sätze zu Clérambault", in: Tumult.
Zeitschrift für Verkehrswissenschaft. Clèrambault
. 12 (1988), 87.
Elisabeth Renard, Le Docteur Gaëtan Gatian de Clérambault,
sa vie et son oeuvre 1872-1932 [1942,] Paris 1992, 43.
Thomas Mann, Der Zauberberg , Frankfurt/M. 1996, 983.
Sigmund Freud, "Das Unheimliche", in: ders., Studienausgabe ,
Bd. IV, Franfurt/M. 1947, 244.
Georges Didi-Huberman, Was wir sehen blickt uns an , München
1999, 22-25.
©
Gunnar Schmidt 2005
In: European Photography, 2005
|
|